from Stern Magazine
published in Germany, 25 May 2016

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"Eine herrliche Droge"

Es geht stramm auf 19 Uhr zu, Joachim Löw, 56, weißes T-Shirt zur grauen Hose, dazu weiß Sneaker, lässt sich in einen Ledersessel in einem Hotel am Potsdamer Platz in Berlin fallen. Noch wenige Wochen sind es bis zum Start der Europameisterschaft. Zeit, mit ihm über zehn Jahre im Amt als Bundestrainer zu sprechen. Seit dem WM-Sieg 2014 in Brasilien thront er wie ein Monolith über dieser Elf. Löw lässt sich, natürlich, einen Espresso bringen. Müde? Er grinst und antwortet mit schallender Stimme. "Eine Verlängerung geht immer."

Herr Löw, wenn man mit Weggefährten und ehemaligen Spielern über Sie spricht, stellen sich alle dieselbe Frage: Wie motiviert sich dieser Löw nach diesem WM-Sieg für eine Europameisterschaft? Also: Wie motivieren SIe sich?

Sich neu zu beweisen, den Erfolg zu bestätigen, wieder dieses Gefühl des SIeges in sich zu haben, das treibt mich an. Ich bin schon lange Nationaltrainer, und trotz aller Test- und Qualifikationsspiele, die wird durchlaufen, sind es letzlich die Turniere, die für mich den speziellen Reiz ausmachen.

Die Reizschwelle wird höher.

So ist es. Die Spannung ist jetzt eine ganz andere als in einer Qualifikation. Und das gefällt mir, das genieße ich sogar.

Die Tennisspielerin Angelique Kerber sprach nach ihrem Grand Slam-Erfolg in Melbourne davon, dass sie dieses Glücksgefühl noch einmal erleben wolle. Es treibe sie an. Ähnliches hat man auch von Dirk Nowitzki gehört. Ist dies auch Ihr Motor?

Ja, das kann ich komplett nachvollziehen. Dieser Sieg bei der Wm in Brasilien wirkte wie eine herrliche Droge. Im Maracana-Stadion den WM-Pokal in den Nachthimmel zu stemmen, dann der Abend danach, das war ein wahnsinniger Glücksmoment. Diese Emotionen hätte ich gerne festgehalten. Doch die Euphorie geht vorbei, irgendwann ist sie weg. Die Erinnerung daran ist aber da, sie ist fest in mir verwurzelt. Ich habe es erlebt. Und würde es deshalb so gerne noch einmal rausholen und ein paar Tage festhalten. Denn ich weiß, es wird nicht für immer sein.

Macht diese Sehnsucht Ihnen jetzt Beine?

Das spielt sicher eine Rolle. Dann ist da noch der Drang, auf dem höchsten Level zu bleiben. Sich nicht vertreiben zu lassen. Das setzt auch Adrenalin frei.

Am 12 Juni, gegen die Ukraine, erfolgt dann der Startschuss in diese EM. Wie bauen Sie da punktgenau die notwendige Spannung auf?

Die baut sich von selbst auf, durch Medien. Öffentlichkeit, vor allem aber durch uns selbst, die Betreuer, die Spieler, das Team. Das schaukelt sich förmlich hoch, mit jedem Tag, mit dem das erste Spiel näher rückt.

Klingt nicht vergnügungssteuerpflichtig.

Ganz im Gegenteil! Es ist positiver Stress. Ich will diesen Druck erzeugen, ich brauche ihn selbst, um wieder zur absoluten Leistung zu finden. In Maßen genieße ich diesen Druck sogar.

Genießen? Das kann nicht Ihr Ernst sein.

Es geht darum, so viel DRuck von außen aufzunehmen, wie man für sich in Energie umwandeln kann. Wer ungefiltert all die Forderungen ansich heranlässt, der blockiert schnell. Auch deshalb habe ich mir gerade bei Turnieren eine gewisse Lockerheit bewahrt. Und eine gewisse Distanz, eine gewisse Unabhängigkeit.

Wirken Sie deshalb bei öffentlichen Auftritten so unverschämt entspannt?

Lassen Sie sich nicht täuschen. Wenn ich einen ruhigen Eindruck mache, heißt das nicht, dass ich innerlich ruhig bin. Aber grundsätzlich werde ich in vielen Situationen ruhiger, je länger das Turnier läuft. Das hat auch mit Vertrauen zu tun. In die Spieler, die Mannschaft, die Vorbereitungen, unsere Planungen. Und mit Intuition. Man entwickelt ein Gefühl, wie die einige Mannschaft drauf ist. Grundsätzlich gefällt es mir, in Situationen zu sein, in denen es um Entscheidungen geht. Solche Spiele machen mir Spaß.

Eine Niederlage im Achtelfinale, und die Nation steht wieder Kopf.

Man weiß, jede Entscheidung, die man trifft, kann massive Auswirkungen haben. Man sieht sich dann hinterher manchmal auf dem Bildschirm und fragt sich: Bin ich das selbst da unten? Vieles läuft unbewusst ab.

Sind Sie deshalb auch nach Siegen oftmals so kontrolliert, als liefe das Spiel noch weiter?

Wissen Sie, das Problem ist, dass man sich vor so einem Turnier auf beide Szenarien einstellt, nicht nur auf den Sieg. Das ist der Sport. Immer hat man im Hinterkopf, dass sich der Weg in einer einzigen Sekunde gabeln kann, auch hin zu einem massiven Misserfolg. Das relativiert im Turnier jedes Gefühl etwas. In beide Richtungen.

Welche Spuren hat der WM-Erfolg bei Ihnen hinterlassen?

Wir wollten diesen Titel unbedingt mit dieser Mannschaft. Das war eine große Befriedigung, aber er hat meine Persönlichkeit nicht fundamental beeinflusst, er hat mir nicht den Boden unter den Füssen weggezogen. Es ist mir wichtig, dass ich trotz meines Amtes und der Aufmerksamkeit auf dem Boden und weiter auch demütig bleibe. Ich hoffe, dass mir dies bislang insgesamt ganz gut gelungen ist. Ich habe noch die gleichen Leute um mich herum, in Freiburg, bei der Nationalmannschaft. Ein Mann wie Oliver Bierhoff hält mir auch mal den Spiegel vor.

Sind Sie nur dann glücklich, wenn die Mannschaft erfolgreich ist?

Ich habe mein Lebensglück nie über sportliche Erfolge definiert.

Es heißt, die 1:2-Niederlage im Halbfinale der EM gegen Italien vor vier Jahren habe Sie wie ein Schlag getroffen.

Das musste ich lange verarbeiten, das stimmt. Ich wollte definitiv eine Zeit lang von Fußball nichts hören und sehen. Aber dann kehrte die Lust zurück: Ich wollte das wiedergutmachen. Ich habe mich hinterfragt, habe gezweifelt. Im Nachhinein hätte ich damals vielleicht taktisch einiges anders machen können, ich habe mich später auch gefragt, ob ich auf personell und mit der Aufstellung richtig lag. Auch im Spiel selbst habe ich die Probleme, die wir bekamen, nicht gut gelöst.

Wurden Sie danach dazu gezwungen, einen Abstand zu Ihrem Job aufzubauen, der Ihnen heute zugute kommt?

Ich habe aus dieser Niederlage gelernt. Lernen müssen. Seitdem schätze ich gewisse Dinge jenseits des Fußballs noch mehr.

Zur Beispiel?

Nicht nur Ruhe zu haben, sondern auch Ruhe genießen zu können. Das konnte ich früher nicht. Die Wertschätzung von Freunden; sich mit Dingen außerhalb des Fußballs zu beschäftigen. An anderen Dingen Gefallen zu finden, das stabilisiert mich auch an den Tagen, an denen es mal schiefgehen kann.

Wie groß ist Ihre Sorge, dass Ihre Elf zu locker in das Turnier hineingeht?

Ich glaube, dass Spieler wie Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels, die jetzt mit Manuel Neuer, Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira die Elf mitführen, die Mannschaft wieder auf Kurs bringen. Diese Elf will Europameister werden.

Das merkte man der Mannschaft in den vergangenen Monaten nicht immer an.

Unsere Spielweise war nicht immer zufriedenstellend in den letzten beiden Jahren, ganz klar. In einigen Spielen waren wir weit unter unserem Niveau.

Wo müssen Sie ansetzen?

Unsere Mannschaft beherrscht das Ballbesitzspiel heute nahezu perfekt. Was uns manchmal fehlt, ist das Spiel vor dem gegnerischen Tor. Diese Zielstrebigkeit, die ein Thomas Müller an guten Tagen hat, wenn er in die Räume geht, die fehlt uns manchmal.

Biszum Viertelfinale steht bei neuerdings 24 Mannschaften außer Polen kein Topgegner an.

Mag auf dem Papier sein. Vielleicht treffen wir im Achtelfinale auf einen Gruppendritten. Diese Mannschaften stellen sich eher hinten rein und spielen mannorientiert. Sie verbarrikadieren ihr eigenes Tor regelrecht, zum Teil mit einer Fünfer- oder Sechserkette davor. Da muss man Lösungen finden, und zuletzt waren wir bei der Suche nach diesen Lösungen nicht gut genug. Wir werden uns auf Zweikämpfe einstellen müssen, auf Nickligkeiten, auf Zerstören.

Das klingt, als würde es ab dem Viertelfinale eher einfacher.

Das nicht, aber anders, denn Mannschaften wie Belgien und Spanien wollen ein Spiel selbst entscheiden, das schafft Räume. Diese Teams haben auch das Selbstvertrauen, uns in unserer Hälfte anzugreifen. Deshalb ist das zweite große Thema, wie wir den Ball sauber aus unserer eigenen Defensive herausspielen. Das war zuletzt nicht immer unsere Stärke.

Wie vor der WM 2014 gehen auch dieses Mal Leistungsträger wie Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger und jetzt Mario Götze angeschlagen ins Turnier. Bereitet Ihnen dieser Umstand Sorge?

Natürlich wünscht man sich als Trainer immer, mit gesunden und fitten Spielern in ein Turnier zu starten. Die Saison war lang, die Strapazen groß, ich kenne das ja seit vielen Jahren, dass der eine oder andere angeschlagen zu uns kommt. Wir haben nie lamentiert, das werden wir auch jetzt nicht. Ich bin sicher, dass wir bei unserem ersten Spiel am 12 Juni mit einer starken Mannschaft ins Turnier starten.

In Frankreich wird es auch darum gehen, ob so etwas wie ein unbeschwerter Genuss überhaupt möglich ist nach den Terroranschlägen im November, die Sie im Stade de France erleben mussten. Gegen Polen spielen Sie nun im selben Stadion. Wie präsent sind Ihnen die Stunden von damals noch?

Jeder, der damals dabei war, wird sich an diese Ereignisse erinnern. Und jeder geht anders damit um. Bei den Länderspielen im März war die SIcherheit bei den Spielern kein großen Thema mehr, obwohl gerade die Anschläge in Brüssel passiert waren. Ich hoffe natürlich, dass es so bleibt und wir uns dann voll auf die sportlichen Dinge konzentrieren können.

Fürchten Sie, dass Sie selbst, vor allem aber Ihre Elf stark unter der Rückkehr an den Ort leiden wird?

Nein, das fürchte ich nicht. Wir haben uns mit dem Thema auseinandergesetzt, wir wissen, dass für die Sicherheit so weit wie möglich gesorgt werden wird, bei einem Turnier herrscht auch eine ganz andere Stimmung in den Stadien. Wir werden versuchen, uns dann einzig und allein auf den Moment zu fokussieren.

Der ehemalige französische Nationalspieler Bixente Lizarazu erklärte jüngst im stern, nichts sei derzeit leicht in seiner Heimat, auch nicht der Fußball.

Wenn das so ist, dann habe ich die Hoffnung, dass es der Fußball ist, der in diesem Sommer Frankreich und uns allen wieder Leichtigkeit und Freude geben wird.

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Last updated 10 June 2016

With thanks to Susanne.
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