from Stern Magazine
published in Germany, 8 May 2014, #20
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"Und wenn du verlierst, bist du der Staatsfeind Nummer eins"

Die Nation verlangt von Joachim Löw Heroisches: Der WM-Titel muss her. Nur so bekommt er die Liebe von Bürgern und Kanzierin. Wie geht er mit dem Druck um?
Von Arno Luik

Ein kurzer Blick zurück, Herr Löw. Es ist die EM 2012, einige Minuten noch zum Anpfiff gegen die Niederlande, die Leute im Stadion sind aufgeregt, angespannt, ein überaus wichtiges Spiel, und am Spielfeldrand steht ein Balljunge, den Ball unterm Arm.

Ich sehe ihn da so gedankenverloren stehen, und plötzlich juckt es mich. Ich will den Jungen ein bisschen erschrecken, laufe von hintern an ihn ran, schubs ihm den Ball weg und lache ihn an.

Innerhalb von wenigen Tagen wurde diese Szene auf Youtube von Hunderttausenden angeklickt - vielleicht, well für einen Moment eine Leichtigkeit aufkam, die es im Milliardenspiel Fußball eigentlich nicht mehr gibt.

Oder weil diese Szene zeigt, was Fußball noch immer ist - ein Spiel.

Was ist der Ball für Sie?

Schon als ich ganz klein war, habe ich mit dem Ball unbedingt spielen wollen, stundenlang. ich kam aus der Schule, der Ranzen flog ins Eck, essen, ganz schnell Hausaufgaben machen, dann raus - kicken! Der Ball hatte schon immer eine besondere Anziehungskraft auf mich. Wir haben jede freie Minute gekickt, bei uns im Hof oder auf der Straße. Mein Vater hatte ein Ofensetzergeschäft mit einigen Angestellten. Und in der Mittagspause und nach Feierabend haben die auch mitgekickt.

Das hört sich idyllisch an.

Das sind einfach so Erinnerungen, das ist ein Stück Heimat für mich. Es war eine schöne, unbeschwerte Jugend. Mit großen Freiheiten, aber auch Pflichten. Die Erwachsenen haben uns schon auch mal dazu verdammt, mit anzupacken. Mit meinen Opa, der ein Lebensmittelgeschäft hatte, bin ich oft morgens um 5 Uhr nach Freiburg auf den Markt und hab ihm dort geholfen. Es war dunkel, kalt, wir sind in einem alten VW-Bus über den Pass gefahren, der Notschrei heißt. Diese Reise war immer ein kleines Abenteuer, auf das ich mich gefreut habe, Besonders aber auf die Bratwurst, die es dann um 7 Uhr auf dem Markt gab.

Der Ball hat Sie in eine andere Welt gebracht.
Und er hat Sie zum Millionär gemacht.

Er hat mir auf jeden Fall unglaubliche Dinge ermöglich, Dinge, die ich nie erwartet hätte.

Der Ball, hat Diego Maradona mal schwelgerisch gesagt, sei für ihn "Mutter und Geliebte" zugleich.

Natürlich war auch ich in den Ball verliebt, bis ich die erste Freundin hatte. Der Ball hat noch immer eine riesige Bedeutung für mich, es gibt jedenfalls nichts, mit dem ich mich in meinem Leben mehr beschäftigt habe. Der Ball hat ja was Magisches. Wo immer Sie hinkommen, überall spielen die Kinder mit dem Ball. DIese Kugel reicht ihnen, sie macht sie glücklich. Wenn ich an den Ball denke, denke ich an Tore. Für mich war es immer ein unglaubliches Glücksgefühl, ein Tor zu schießen.

Sie haben ja mal in einem Spiel für den FC Schönau 18 Tore geschossen.

Ja. Das hat mich an dem Spiel schon immer fasziniert: Wie fallen Tore, wie entstehen sie, was ist der perfekte Spielzug?

Ich hab Ihnen ein altes Fußball-magazin mitgebracht, von 1996, "Hattrick" hieß es, und da sind Sie auf dem Titel.

Sehr schön?

Ja, schön Jung sind Sie da auf diesem Titel mit der Schlagzeile: "Der Fußball-Stratege".

Das ist eines der wenigen Interviews, die ich zu Hause aufbewahrt habe. Es ist, glaub ich, das erste Mal, dass ich auf einer Titelseite war.

Sie waren damals gerade Trainer des VfB Stuttgart geworden - und feierten Erfolge mit dem sogenannten Magische Dreieck um die Spieler Bobic, Elber, Balakow.

Ich war Assistenztrainer, und wir spielten gegen den Abstieg. Plötzlich war der Trainer weg, Rolf Fringer, und ich wurde Cheftrainer. Wie die Jungfrau zum Kind bin ich zu dem Job gekommen wir Spiele in Serie 4:0. Aber Rolf Fringer war der erste Trainer, der meine Vorstellungen und Wünsche vom Spiel ausdrücken konnte.

Was meinen Sie?

Ich habe mir als Fußballer immer mehr gewünscht, als nur zu laufen zu arbeiten. "Gras zu fressen". Fußball war für mich mehr als nur harte körperliche Arbeit, ich habe es als Stürmer immer gehasst, wenn im Mittelfeld die Bälle über mich hin - und herflogen.

Sie hätten ja hochspringen und köpfen können.

Kopfball war nicht meine Stärke.

Verstehe ich. Die Frisur.

Unsinn. Bei meinen ersten Kopfballversuch in der zweiten Liga hat mir der Torhüter mit der Faust die Nase gebrochen. Ich bin dann in Zukunft lieber weggeblieben aus der Gefahrenzone. Fußball war für mich nicht dieses Rustikale, dieses Wild-den-Ball-nach-vorne-Schlagen. Fringer gab mir Antworten über taktische Dinge. Raumdeckung, schnelles Kurzpass-Spiel. Das war für mich die helle Freude.

In den Siebzigern spielten Sie für SC Freiburg. Es waren politisch aufgeheizte Zeiten. Da war der Wilderstand gegen das geplante AKW in Whyl, die radikalen Studenten besetzen unter der Woche in Freiburg Häuser, prügelten sich mit den Polizisten, und samstags gingen sie "zur Entspannung" ins Stadion, um den "jogi zu sehen", weil...

Das höre ich zum ersten Mal, aber es freut mich.

...weil "der jogi" für das Schöne am Spiel zuständig war.

Der Technik galt und gilt mein ganzes Augenmerk, meine Leidenschaft, ich wollte schon immer eher eine schöne Spielkultur mit gut durchdachten Spielzügen. Ich kam mit 17 nach Freiburg. Natürlich habe ich die Demos mitbekommen - aber ich war da nicht dabei. Ich habe eine Lehre als Kaufmann gemacht. Ich bin morgens früh um 6 Uhr aus dem Haus, ich musste arbeiten und lernen. Und abends ab 18 Uhr habe ich trainiert, so bis gegen 20 Uhr. Es war ein total vertaktetes Leben, für mich eigentlich die anstrengendste Zeit meines Lebens.

Und jetzt sitzen Sie hier in der DFB-Zentrale, und ein wahnwitziger Sommer rollt auf Sie zu.

Was?

In ein paar Wochen sind Sie nach Kanzierin Merkel der wichtigste Mensch in diesem Land.

Ich weiß nicht, ob man das so sehen sollte.

Ich weiß nicht, ob man es anders sehen kann.

Man kann sich natürlich Gedanken machen über diesen ganzen Druck, der da ist. Man darf den nicht ungebremst auf sich zulassen. Man.

Wieso sagen Sie jetzt immer "man"? Und nich mehr "ich"?

Wer in diesem Job arbeitet, muss für sich Mechanismen entwicklen, um mit dem Druck klarzukommen. Also gut: ich. Ich habe gelernt mich zu entspannen. Ich kann den Druck ganz gut verarbeiten. Ich setze mich aufs Rad oder jogge durch den Schwarzwald.

Es ist doch so - Sie sind jetzt der Oberangestellte von 80 Millionen Bundesbürgen, und deren Befehl ist eindeutig: Sie müssen Weltmeister werden, basta, fertig, aus, Nikolaus.

Ich weiß, dass diese Sehnsucht nach dem Titel da ist. Natürlich möchte ich diese Sehnsucht befriedigen. Wir sind alle ehrgeizig. Wir haben Chancen, den Titel zu holen. Aber auch andere Mannschaften haben ähnlich große Chancen wie wir, doch das will kaum einer hören.

Wenn Sie in diesen Tagen über die WM reden, hört sich das dramatisch an. Eine "WM der Strapazen" sei das, eine "WM des unbedingten Willens".

So ist es doch.

Das hört sich so an wie "auf, auf zum letzten Gefecht".

Nein

Sie sind ja ein Mann, der gern ins Kino geht. Und so wie Sie öber diese Wm-Expedition reden, denke ich an Werner Herzogs "Fitzcarraldo" der ein Schiff durch den peruanischen Urwald schleppen lässt und eine Oper im Urwald bauen möchte - und grandios im Grandiosen scheitert.

Aha. Sie meinen, ich bereite ein Scheitern vor? Ich war ein paarmal in Brasilien und habe erlebt und durchlebt, was da so alles auf uns zukommt. Wir spielen um 13 Uhr, das sind wir nicht gewohnt. Es ist heiß. die Luftfeuchtigkeit ist hoch, lange Reisen kommen auf uns zu.

Was ich nicht verstehe. Warum haben SIe als Trainer oder der mächtige DFB nicht bei der Fifa interveniert und gefragt, ob die eine Klatsche haben, mittags bei 30, 40 Grad spielen zu lassen.

Die WM ist eine globale Veranstaltung. Unglaublich viele Interessen müssen berücksichtigt werden, zum Beispiel die Einschaltquoten. Wir nehmen diese Bedingungen an und akzeptieren sie.

Und so spielen Sie in der Mittagshitze, damit wir in Europa abends bei kühlem Bier der Ganze genießen können.

Wenn wir und die Spieler die Wahl hätten, würden wir am liebsten immer abends bei Flutlicht spielen. Aber ich will nun nicht klagen. Ich bin kein Sport - auch kein Medienpolitiker. Meine Aufgabe als Trainer ist es, das Optimum aus den Gegebenheiten herauszuholen.

Deswegen lassen Sie für due WM extra eine Hotel- und Trainingsanlage hochziehen. Das ist doch eine imperiale Geste, ehen Fitzcarraldo-mäßig.

Nein. Das Hotel wird ja nicht wegen und auch nicht für uns gebaut, das wissen Sie doch ganz genau! Wir waren...

Ohne diese WM wäre diese Anlage vermutlich nicht gebaut worden.

...wir waren mehrmals in Brasilien, haben beim Confed-Cup vergangenes Jahr Erfahrungen gemacht. Man braucht einfach eine gewisse Infrastruktur und gewisse Voraussetzungen, um sich professionell auf das Turnier vorzubereiten. Wenn ich zum Training fahre, kann ich nicht zwei, drei Stunden im Stau stehen. Daher möchten wir nicht in Sao Paulo trainieren, da können Sie nicht verlässlich planen, da kommen Sie nicht zur Ruhe da.

Eine Meldung von heute: 50,000 Morde jährlich in Brasilien, weit über eine Million in den vergangenen 30 Jahren. Und: Armenviertel werden wegen der WM von der Polizei geräumt, Menschen aus ihren Wohnungen getrieben.

Ich habe viel Armut gesehen in Brasilien. Demonstranten, die völlig zu Recht Straßen blockierten. Und ich verstehe, wenn jetzt Brasilianer friedlich während der Wm demonstrieren. Aber auf der anderen Seite ist Brasilien das allergrößte das erfolgreichste Füßballland. Es gibt Tausende von Brasilianern, die praktisch für den Fußball sterben würden. Ich bin abends mal am Strand entlanggelaufen, bei 30 Grad im Juni, es gab keinen einzigen Meter, auf dem nicht Fußball gespielt wurde. Ich habe noch nirgendwo solcheine Faszination für den Fußball erlebt.

Er war der beste Spieler der WM 1994, er ist einer der größten Fußballheroen Brasiliens, er verflucht die raffgierig, korrupte Fifa, die nur in Brasilien sel, "um sich die Taschen vollzustopfen". Es ist Romario, der sich so aufregt, er sagt: "Unsere Krankenhäuser und Schulen haben kein Geld, eine riefe soziale Kluft spaltet unsere Gesellschaft. "Und er wettert dagegen, dass "Milliarden Steuergelder" wegen der WM verschwendet würden.

Ich kann Romario in dem Punkt verstehen, dass der Staat die Aufgabe hat, in Schule, in Bildung, in das Gesundheitswesen zu investieren. Was die Fifa mit ihren Geldern macht, was der brasilianische Staat macht, wer korrupt ist - vielleicht ist es ja gut für das Land, dass diese Probleme nun weltweit angesprochen werden?

Es gibt zwei Namen und zwei Tagen, nehme ich an, die Sie aus Ihrem Gedächtnis gern streichen möchten.

Nun bin ich aber gespannt. Da wissen Sie mehr als ich.

Ray Clemence und der 5 August 1980.

Das war ein brutaler Tag. Dieser Tag hat meine Karriere verändert. Für die damals unheimlichhohe Summe von 500,000 Mark war ich vom Zweitligisten SC Freiburg zum VfB Stuttgart gewechselt. Ich hatte immer in der ersten Liga spielen wollen. Und im letzten Vorbereitungsspiel für die Bundesligasaison waren wir in Liverpool. Ich hatte bis dahin immer die Stutzen unten hängen, egal, ob es Winter war, Schnee oder Eis auf dem Platz waren. Aber beim VfB sagte der Trainer Sundermann: Das geht nicht. Es war das erste Mal, dass ich mit Schonern spielte.

Eine böse ironie, dass ihnen gerade dann die Haxen gebrochen wurden!

Es war ein Schien- und Waden- beinbruch. Ich bin von der Mittellinie allein auf den Torwart zugelaufen, nach einem schönen Doppelpass mit Hansi Müller war die ganze gegnerische Hälfte frei. Ich habe den Ball wohl etwas zu weit vorgelegt -ich wollteich um den Torwart Clemence spitzeln, mache meinen Fuß lang, und Clemence tritt auf m ein Standbein. Acht Wochen Gips, Ein Jahr Pause. Danach hatte mein Oberschenkel den Umfang meines Oberarms. Danach war ich nie mehr so dynamisch. Aber von Clemence war das kein böses Foul. Keine Absicht. Bis zu dem Tag war ich gut, wirklich gut. In der U21 hatte ich mit Völler, Littbarski, Bernd Schuster gespielt. Das war nun vorbei. Aber vielleicht war ja dieses Unglück der Grund, weshalb ich so früh Trainer werden wollte.

Der zweite name: Balotelli und der 28, Juni 2012.

Keinesfalls. Mario Balotelli will ich nicht aus dem Gedächtnis streichen. Ich schätze seine fußballerischen Qualitäten. Es sind mit die besten, die ich überhaupt je gesehen habe. Warum sollte ich das plötzlich nicht mehr anerkennen?

Mit seinen zwei Toren hat er Sie damals im Halbfinale in Warschau aus der EM geschossen, er hat Sie gedemütigt.

Das hat er nicht. Es war kein angenehmer Abend, das stimmt. Im Nachhinein kann man natürlich leicht sagen, dass man manches ändern würde.

"Man würde ändern": Aber Sie haben doch die Fehler gemacht.

Wir alle haben Fehler gemacht. Aber damals, an jenem Tag, waren wir überzeigt, das Richtige zu tun.

Wenn du verlierst, weiß der Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher "bist du die Wurst".

Ja, du stehst als Trainer an der Wand. Du musst für die Niederlage Argumente haben, die du aber direkt nach Spielschluss im TV-Studio nicht unbedingt parat hast. Nach Siegen wirst du als Messias gefeiert, du bist der Heilsbringer für das ganze Volk. Einen Tag später, wenn du ein Spiel verlierst, bist du der Staatsfeind Nummer eins.

Seit diesem 28, Juni 2012 ist es für Sie härter. Böse, gemeine Schlagszeilen gab es, voller Häme.

Ja

"Werfen Sie hin, Herr Löw?", fragte die "Bild"-Zeitung.

Ja. Ich meine. Nein! Natürlich nicht. Ich kann das schon realistisch einordnen.

"Ratlos. Hilflos. Führungslos", schrieb der "Kicker".

Ich weiß.

"Schön, doof" urteilte die "Süddeutsche Zeitung".

Das war natürlich heftig. Ich habe aber gelernt, glauben Sie mir, mit solchen Dingen umzugehen.

Man wird härter.

Nein. Man wird routinierter und erfahrener.

Ist das so einfach? Der verstorbene Jupp Derwall hat seine Zeit als Bundestrainer als "beschissen" beschrieben, er habe sich wie "am Marterpfahl" gefühl, ständig mit Pfeilen beschossen.

Man muss, nochmals, solche Attacken aushalten. Sein Selbst-bewusstsein darf man davon nicht abhängig machen. Man geht in diesem Job durch ein Wellental der Gefühle, und dieses Wellental ist extrem.

Nach dem 4:4 gegen Schweden im Oktober 2012 gab es Spott ohne Ende für Sie.

Dass viele enttäuscht waren, versteheich. Auch ich war enttäuscht, und wie! Kein Trainer der Welt, will, wenn man 4:0 führt, mit einem 4:4 aus dem Stadion gehen.

Ich fand das Spiel wunderbar. Es war ein irres Spektakel!

60 Minuten war dieses Spiel ein tolles Spektakel. 60 Minuten lang waren wir ganz nahe an der Perfektion, Danach war es eine Katastrophe. Aber das ist doch eben auch Fußball, dass man bis zur 90 Minute, nein, bis zum Abpfiff, nicht weiß, wie das Spiel ausgeht! Das ist das Schöne. Das Spannende. Die besondere Faszination an diesem Spiel. Das Unberechenbare. Aber auch das Brutale. Klar, im Blick zurück kann man auch fragen. War die eine oder andere Auswechslung falsch?

Ja, ja, brüllen Ihnen all die Fußballexperten zu!

Die Experten. Im Nachhinein ist man immer klügerIch damals zwei Spieler in die Offensive gebracht, weil ich das 5:1 oder das 5:2 machen wollte. Damit wäre das Spiel endgültig gelaufen gewesen. Vielleicht wäre es richtiger gewesen, zwei Abwehrspieler reinzustellen, um das 4:2 zu verteidigen. Dieses Spiel ist für uns alle eine Lehre, natürlich.

Gab es schon Momente, in denen Sie sagten: Verdammt, ich hätte diesen Job nicht antreten sollen!

Nein! Niemals! Ich bin wahnsinnig dankbar und glückliche Fügung, und ich bin Jürgen Klinsmann dakbar, dass er mir damals dieses Vertrauen gegeben hat. Ich habe von ihm viel gelernt, und er ist für mich schon eine ganz wichtige Person.

Es gibt bei dieser WM ja ein drolliges Spiel, nämlich das gegen die USA. Sie spielen da gegen Ihren Vorgänger Klinsmann und Ihren Vorvorgänger Berti Vogts.

Jürgen und ich mussten beide ein wenig schmunzeln, als das Los fiel. Aber genauso hätten wir beide das lieber vermieden. Jürgen kennt unsere Spieler in- und auswendig, etwa Klose, Mertesacker, Lahm, Schweinsteiger. Keine Frage wir werden uns in dem Spiel bekämpfen, aber egal, wie es ausgeht - an unsere Freundschaft wird das nichts ändern.

Haben Sie im Kopf, dass Sie bei der WM scheitern könnten?

So ein Szenario spielt man kurz durch, und dann verwerfe ich es sofort wieder. Ich sage mir, wir sind gut vorbereitet. Ich habe großes Vertrauen in mein Trainer- und Betreuerteam, in unsere Organisation, in meine Spieler.

Aber Sie haben einen Kader, der humpelt und rumpelt. Sie haben einen Mesut Ízil, der seit einiger Zeit spielt wie jemand, der Ízil sein mÍchte, aber nie ein Ízil wird.

Nein. Da liegen Sie falsch. Sie werden sehen!

Sie haben einen Klose, der recht alt ist und seine Form sucht, und selbst die Kanzierin soll neulich zum italienischen Ministerpräsidenten Renzi gesagt haben "Gomez ist stark, aber auch verletzungsanfällig."

Die gesamte Situation macht mir schon auch Kopfzerbrechen. Die Lage ist nicht einfach. Viele sagen zu mir: Ihr habt die beste Mannschaft, die jemals für Deutschland spielte! Dann sagt ich: Okay, zähl mal auf, wer denn momentan in Topverfassung ist! Wir haben im Moment nur sieben, acht Spieler, die in Topform sind.

Bei den Titelgewinnen 1954, 1974 und 1990 waren alle Leistungsträger im Zenit ihres Könnens und ihrer Kraft.

Ja! Klose, Khedira, Gomez, Gündogan, Schweinsteiger - alles Spieler, die zu den tragenden Säulen bei uns gehoren, aber ihnen allen fehlt ein guter Spielrhythmus.

Tja, Trainer.

Tja, das muss man annehmen, ich werde jetzt nicht lamentieren.

Was sind Sie als Trainer? Ein Diktator?

Nein, das wissen Sie doch! Man kann diese Rolle vielleicht mit einem Dirigenten vergleichen. In einem Orchester kommen hervorragende Musiker zusammen, die alle ihre Instrumente einmalig beherrschen. Aber wenn man sie allein spielen lassen würde, würden Sie vielleicht nach zehn Minuten frustriert das Konzertverlassen. Ein Dirigent macht aus den Stars ein Ensemble, das harmoniert. Zu uns kommen sehr gute Spieler, die besten aus ihren Vereinen, und unsere Aufgabe ist es, daraus eine Mannschaft zu formen, die schön spielt und gewinnt.

Sie können Karrieren knicken, Menschen aufbauen, Sie können Spieler zerstören.

Fußball ist mit Schicksalen verbunden, ich bin mir dessen sehr bewusst. Es ist eine ganz, ganz emotionale und hochsensible Angelegenheit, vor einem Turnier einem Spieler zu sagen, dass er nicht mitdarf.

Der Trainer Ottmar Hitzfeld hat jahrelang vor den Samstagen schlecht geschlafen, weil er dann sagen musste: "Du spielst nicht!" Denn dann, so Hitzfeld "schaut man in die gebrochenen Augen des Spielers".

Auch das stimmt. Ich habe ja mit Spielern zutun, die in ihren Vereinen Stars sind, die gewohnt sind, eine Schlüsselrolle auszufüllen. Solchem Spielern zu sagen, dass sie nicht auf den Rasen dürfen - das ist schwer. Manchmal sind das ja Gefühlsentscheidungen, sind es ganz knappe, intuitive Entscheidungen. Der Spieler fragt natürlich: Warum? Weshalb? Und es ist manchmal nicht leicht, das dem Spieler, der ehrgeizig und für dem Spieler, der ehrgeizig und für den die WM auch eine Bühne ist, zu erklären.

Wenn Sie mit Ihrer Mannschaft bloooß Zweiter werden, dann behält man Sie so in Erinnerung: Löw? Das war doch der Typ mit der gut geföhnten Frisur, dem luschdiga Dialeggd, der Kerl mit dem Faible für taillierte Hemden, den schicken Schals!

Hab ich gerade ein tailliertes Hemd an?

Nein.

Das sind doch Klischees. Oberflächlichkeiten. Es geht doch um anderes.

Okay, vielleicht hören Sie das lieber? Sie haben den Fußball in Deutschland revolutioniert. War es früher meist eine Qual, die Spiele der Nationalmannschaft anzuschauen, so ist es heute meist eine Lust.

Ich denke schon, dass wir den Fußball enorm weiterentwickelt haben und nun eine Spielweise haben, die die Fans anerkennen.

Die wollen den Titel.

Ich auch. Aber glauben Sie mir, die Fans haben ein gutes Gespür, wie wir uns präsentieren, ob wir alles geben. Aber wenn der Gegner besser ist und er uns schlägt, dann werden wir das akzeptieren und ihm gratulieren.

Natürlich

Ja, klar! Sportlich fair, wie es sich gehört. Sie schauen nun so fragend.

Ja, denn bei diesem Kampf um den Titel geht es doch auch um Ihr Seelenheil.

Wie bitte? Wie meinen Sie das?

O-Ton Löw: "Titel sind das Wichtigste, für einen Trainer wie für Fans. Nur Titel schaffen vollkommene Zufriedenheit."

Einerseits stimmt das. Titel sind die Krönung. Aber mein Seelenheil hängt ganz und gar nicht von diesen Tagen in Brasilien ab. Geht es um das Seelenheil, da blickt man doch auf viel mehr, nicht nur auf vergängliche Triumphe. Ein Sieg mehr, eine Niederlage mehr - ich glaube nicht, dass dies am Ende die entscheidende Rolle spielt. Im Leben oder konkret auch am Ende eines Leben zählen doch ganz andere Dinge: Familie, Freundschaften, Werte.

Was machen Sie am 13. Juli um 21 Uhr mitteleuropäischer Zeit?

Mein größter Wunsch ist, an diesem Tag um diese Uhrzeit am Spielfeldrand des Maracana-Stadions zu stehen.

Und dann steht dieser verdammte Mario Balotelli auf dem Platz?

Nichts dagegen. Das wäre mir sogar recht. Bei einer WM haben wir noch nie gegen Italien gewonnen.

Also seit 1930 nicht.

Doch irgendwann kommt der Tag, an dem wir sie auch mal schlagen, da bin ich mir 100-prozentig sicher. Und im Finale wäre es natürlich am schönsten!

Joachim Löw und Arno Luik in der Frankfurter DFB-Zentrale. Ob der 54-Jährige nach WM-Triumph oder -Tragödie weiter macht? Er sagt nur "Ich klebe nicht an meinenm Stuhl bis zum Gehtnichtmehr."

Last updated 20 May 2014

With thanks to Susanne.
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