from Stern Magazine
published in Germany, February 2012
(Joachim Gauck front cover)

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"Leichtigkeit. Das ist mir wichtig"

Der Druck auf Joachim Löw im EM-Jahr ist enorm. Die deutsche Mannschaft soll endlich einen Titel holen. Der Bundestrainer setzt auf die Schönheit des Spiels.

Herr Löw, Bundeskanzierin Angela Merkel schätzt Sie sehr. Hatten Sie in letzter Seit Kontakt?

Ja, es gibt immer wieder mal Kontakt.

Auch nach Christian Wulffs Rücktritt und bevor Joachim Gauck als Kandidat für seine Nachfolge gekürt wurde? Sie sind ja noch über alle Parteigrenzen hinweg beliebt.

(lacht)  Mag sein, aber das letzte Gespräch mit der Kanzierin ist schon länger her. Und was meine Beliebtheit betrifft: Gerade wir Trainer können auf der Beliebtheitsskala mitunter schnell nach unten fallen.

In Ihrem Job als Bundestrainer hätte es zuletzt kaum besser laufen können. Nur Siege in der EM-qualifikation, dazu die Niederlande und Basilien dominiert, die Nationalmannschaft wirkt noch homogenerals während der WM 2010.

Wir erreichen spielerisch ein noch höheres Niveau. Da ist ein außergewöhnlicher Prozess im Gange, ,der sich auch neben dem, Platz fortsetzt. Eine Gemeinschaft entwickelt sich die vom Respekt getragen wird.

Wie außert der sich?

Im Umgang untereinander, auch in Konflikten. Es gibt natürlich immer Spieler, die unzufrieden sind, weil sie nicht spielen. Aber wir haben eben Männer wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Miro Klose und Per Mertesacker, die das erkennen und viel kommunizieren. Es gibt bei uns keine Gruppenbildung. Wir sind ein Team, das für gewisse Werte steht, auch deshalb Identifizieren sich die Menschen mit uns. Das macht mich sehr stolz.

Welche Werte sind das?

Disziplin, Ehrgeiz, Leidenschaft, Spielfreude. Und eine gewisse Leichtigkeit, die wir alle auch unter dem Druck eines Turniers bewahren sollten. Manche Spiele sahen zuletzt aus, als wären sie die einfachste Übung der Welt - dabei wurden sie auf höchstem Wettkampfniveau gespielt. Daran soll unser Spiel zu erkennen sein, das ist mir wichtig.

Rückstände hat Ihre Elf nur selten erlebt. Wird sie verkrampfen, wenn sie bei der Europameisterschaft durch ein Gegentor plötzlich unter massiven Druck gerät?

Wir haben schon 2008 und 2010 bei den Turnieren in der Vorrunde jeweils ein Spiel verloren. Das hat uns aber nicht aus dem Rhythmus gebracht.

In beiden Turnieren hat es die Mannschaft nicht geschafft, einen Rückstand aufzuholen.

Das stimmt. Das müssen wir sicher im Auge behalten.

Kann man sich auf so eine Situation vorbereiten?

Schwierig. Man bespricht Gegenmittel, aber jedes Spiel hat seine Dynamik. Man kann erst in dem Moment sehen, wie der einzeine Spieler auf Druck reagiert.

Der Erwartungen an Ihre Elf sind extrem hoch - das schöne Spiel soll endlich zu einem Titel führen.

Klar. Trotzdem befinden wir uns nicht in einem Alles-oder-nichts-jahr. Das Ende des Prozesses ist bei dieser Mannschaft keineswegs mit der EM erreicht.

Käme eine Niederlage nächsten Mittwoch gegen Frankreich nict nur rechten Zeit? Dann wäre die Euphorie ein wenig gebremst.

Nein. Unser Team wirkt stabil. Es ist durch die Erfolge gewachsen. Wir lassen unsere Arbeit nicht an einem einzeinen Spiel messen.

Gerade die Führungsspieler Lahm, Schweinsteiger, Mertesacker und Klose sind bereits dreimal bei Turnieren knapp gescheitert. Wenn bei der EM kein Titel herausspringt, könnten diese Karrieren schnell als unvollendet gelten - ähnlich wie bei Michael Ballack.

Für diese Spieler mag ein Titel eine noch größere Bedeutung haben als für den Rest. Aber Manuel Neuer, Thomas Müller, Toni Kroos, Mario Götze, Mesut Özil, Holger Badstuber und viele andere sind unheimlich jung. Sie stehen noch ganz am Anfang.

Müller und Lahm sagen, dass nur der Titel zähle. Warum mahnen Sie nicht zu mehr Besonnenheit?

Weil ich darin Selbstsicherheit erkenne. Die Mannschaft hat gegen große Teams gewonnen und imponiert. Daraus entsteht ein neuer Anspruch.

Besteht die Gefahr, dass Ihre Spieler glauben, sie könnten übers Wasser laufen?

Hätte ich irgendwann nur eine Spur Überheblichkeit gespürt, hätte das Konsequenzen gehabt.

Die Gegner in der Vorrunde sind sehr schwer. Portugal, Niederlande, Dänemark. Sie könnten früh scheitern.

Jaja! Aber ich mache mir keine Sorgen. Die Erwartungen in Deutschland sind immer hoch. Die Entwicklung der Mannschaft geht weiter, egal was passiert.

Negativszenarien spielen Sie nie im Kopf durch?

Auf keinen Fall. Wir haben in den vergangenen Jahren gut gearbeitet. Wir haben unsere Linie konsequent verfolgt, unsere Philosophie durchgezogen. Das ist entscheidend.

Woher kommt Ihre Gelassenheit?

Aus dem Glauben an die eigene Stärke. Ich weiß, wie sehr meine Mannschaft den Erfolg will. Und ich weiß, was sie kann. Bei der WM vor zwei Jahren haben wir das zweite Spiel gegen Serbien verloren. Trotzdem habe ich danach gut geschlafen.

Spüren Sie keine Belastung, zumal nach solchen Spielen ja in der Öffentlichkeit Unruhe aufkommt?

Ich lebe während der Turniere in meiner eigenen Welt, denke positiv, konzentriere mich auf meine ureigenen Aufgaben und blende vieles aus. Die Belastung spüre ich allenfalls hinterher.

Der Kern Ihrer Mannschaft für das EM-Turnier steht. Auch die taktische Grundausrichtung mit einem echten Stürmer, drei offensiven sowie zwei etwas tiefer stehenden Mittelfeldspielern blieb seit 2010 unangetastet. Nun drängen weitere kreative Kräfte wie Toni Kroos in die Elf. Erwägen Sie einen Systemwechsel?

Nein.

Sie haben für Kroos bereits die neue Position des Zwischenspielers geschaffen, ihn als Pendler zwischen Offensive und Defensive eingesetzt.

Ich denke im Mittelfeld nicht in den Stereotypen offensiv und defensiv. Ich möchten nicht mehr ein oder zwei Feuerwehrmänner vor der Abwehr aufbieten, die ihre Position nicht verlassen. Ich möchte drei Spieler im Zentrum haben, die flexibel sind, die ihre Rolle sowohl defensiv als auch offensiv ausüben und die ständig anspielbereit sind. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist: Sie müssen technisch sehr versiert sein. Diese Spieler müssen in der Lage sein, nach einem Baligewinn sofort die richtigen Lösungen im Spiel nach vorn umzusetzen. Unser Mittelfeld hat das bei der WM exzellent gemacht.

Kein Sechser, der abräumt - das ist sehr offensiv gedacht.

Wir wollen nicht mehr das Spiel des Gegners verhindern. Wir wollen gestalten. Dazu gehört, dass wir den Gegner schon in seiner Hälfte attackieren, wenn wir dort den Ball verlieren. Und nicht immer erst zurückweichen.

Ist das nicht zu riskant? Ihre Elft blieb 2011 nur zweimal ohne Gegentor. Gerade bei Ballverlust ergaben sich manchmal große Lücken.

Das Weghalten des Gegners von unserer Abwehr ist verbesserungsfähig. Deshalb wird das ein Schwerpunkt in der Vorbereitung sein. Ein frühes Pressing muss in Fleisch und Blut übergehen, sonst ergeben sich riesige Lücken. Das braucht viel Zeit und Übung. Ich weiß nicht, ob wir das bei der EM perfekt beherrschen werden.

Warum nehmen Sie das Risiko der Vorwärtsverteidigung dann in Kauf und empfangen den Gegner nicht erst gut formiert an der Mittellinie?

Der Gegner könnte dann in Ruhe sein spiel aufbauen. Vor allem aber gewänne er mehr Zeit, sich selbst wieder in der Abwehr zu formieren, wenn er den Ball verliert. Das würde also auch unser Offensivspiel beeinträchtigen.

Eine Baustelle ist die Abwehr. Holger Badstuber, dessen Passspiel Sie loben, scheint sich in der innenverteidigung durchgesetzt zu haben. Muss Per Mertesacker um seinen Stammplatz an Badstubers Seite fürchten?

Per Mertesacker stand häufig in der Kritik, aber er hat in allen großen Spielen immer seinen Mann gestanden, gerade gegen starke Gegner, die tief vor unser Tor kommen. Ich habe großes Vertrauen zu ihm. Aktuell ist Per verletzt. Ich hoffe, dass er bei der EM dabei sein kann.

Die Außenverteidiger probieren Sie seit Jahren munter durch. Haben Sie noch immer kein Pendant zu Philipp Lahm gefunden?

Auf der Position tun wir uns schwer in Deutschland. Da gibt es keine riesige Auswahl.

Die Nationalelf hat sich von einer eher defensiv geprägten Auswahl zu Angriffsmannschaft gewandelt. Wird sich der Fußball weiter in diese Richtung entwickeln?

Der offensiv agierende Fußball hat sich zunächst durchgesetzt. Selbst die Verteidigungskünstler aus Italien stellen ihr Spiel um. Erfolg wird auf Dauer haben, wer den Gegner vorn vor Probleme stellen kann. Dafür stehen Spanien, ebenso die Niederlande und Portugal - und jetzt eben auch wir.

Sie sind seit fast sechs Jahren Bundestrainer. Ihr Vertrag läuft bis zur WM2014 in Brasilien. wo steht der Trainer Löw in seiner Karriere gerade?

Eine Trainerkarriere ist wie ein Marathonlauf. Die Zielgerade sehe ich noch nicht. In dem Alter fühle ich mich auch nicht. Ich entwickele mich noch weiter.

2004 schied Deutschland in der EM-Vorrunde aus, Rudi Völler trat als Bundestrainer sofort zurück.

Es wird der Tag kommen, an dem es einen Besseren als mich gibt. Das ist völlig in Ordnung und macht mir nicht die geringste Angst.

Wann ist die Zeit für einen Abschied gekommen?

Wenn ich den Spielern nichts mehr vermitteln kann, ich keine ideen mehr habe, mir Begeisterung und Motivation fehlen. Dann hat es keinen Sinn mehr.

Sie sind ja noch ein Anfänger - wenn man nach Berlin schaut, wo Hertha BSC gerade Otto Rehhagel also nauen Trainer vorgestellt hat.

Verglichen mit ihm bin ich ein blutiger Anfänger! Ich habe den Otto ein paarmal im Urlaub getroffen und war unheimlich angetan von der Energie, die er ausstrahlt. Er ist über 70, oder?

73

Für dieses Alter kann ich für mich selbst nichts versprechen.

Als Trainer Griechenlands wurde Rehhagel 2004 Europameister. Ziehen Sie diesen Sommer nach?

Ich bin guter Dinge.

Interview: Wigbert Löer, Mathias Schneider.  Photoshoot by Peter Rigaud

Last updated 18 July 2013

With thanks to Silke and Yowko.
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