from der Spiegel
published in Germany, 3 February 2013
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"Man braucht ein dickes Fell"

Fußball-Bundestrainer Joachim Löw, 53, über die Sehnsucht der Deutschen nach einem Titel, seine Dünnhäutigkeit nach dem EM-Aus und eine Grenzerfahrung im Urlaub.

Herr Löw, spielen Sie eigentlich Tischtennis?

Gelegentlich. Bei der Nationalmannschaft. Bei Turnieren und im Trainingslager. Da kann ich die Qualitäten auffrischen, die ich mal als Jugendlicher hatte.

Bayern Münchens Präsident Uli Hoeneß meint, die Nationalspieler brauchten keine Tischtennisplatten, sondern mehr Disziplin. Stimmt er Vorwurf, der nach der Europameisterschaft laut wurden, das es den Spielern bei Ihnen zu gut gehe?

Soviel ich weiß, steht auch bei den Bayern eine Tischtennisplatte im Trainingslager. Man merkt das auch.

Woran?

Die Bayern-Spieler sind an der Platte schon ganz gut. Aber jetzt mal im Ernst. Ich hatte diese Diskussion für populistisch. Wir haben es mit den besten Fußballern zu tun, die es in Deutschland gibt, und wir Trainer sind dafür verantworlich, für sie das beste Umfeld zu schaffen. Die Nationalmanschaft ist zum Teil sieben Wochen am Stück zusammen. Da kann sich nicht jeder 24 Stunden lang immer nur auf die sportlichen Aufgaben fokussieren. Die Spieler brauchen auch Abwechslung, sie mussen sich entspannen. Entweder beim Badminton oder eben beim Tischtennis. Gerade in einer extremen Druckphase wie einem Turnier muss es auch Entspannung geben. Deshalb halte ich das alles für sinnvoll.

Und die Spieler wünschen sich das auch so?

Uns im Trainerstab geht es da nicht um das Erfüllen von Wünschen. Wir haben unsere eigene Vorstellung, wie man ein Trainingslager gestaltet.

Fußballprofis treten auf wie Einzelunternehmer, mit Manager und Medienberater. Wie groß ist Ihr Anteil, dass aus den Spielern eine Gemeinschaft wird?

Im Prinzip ist jeder Trainer ein Dirigent. Der muss auch aus Solisten eine Einheit formen, die harmoniert und den Leuten große Freude bereitet. Jeder Trainer hat eine Vorstellung von seinem Weg, von seiner Art Fußball, seiner Philosophie. Daraus ergeben sich Erwartungen, wie sich die Spieler verhalten sollen. Da mache ich dann Vorgaben.

Ihre Spieler sind vielleicht gut darin, Ihre Vorgaben zu befolgen. Aber waren sie nicht zuletzt eher schlecht darin, auf Unvorhergesehenes zu reagieren?

Meinen Sie?

Am Mittwoch spielt Deutschland in Paris gegen Frankreich. Gegen diesen Gegner geriet die Mannschaft vergangenes Jahr bei der 1:2 Niederlage in Unordnung, ähnlich wie spater beim EM-Aus gegen Italien und dann beim 4:4 gegen Schweden. Sobald der Gegner taktisch etwas änderte und mehr Druck ausübte, verlor sie die Linie. War das Frankreich-Spiel der Beginn einer Pannenserie, auf den Sie nicht angemessen reagiert haben?

Pannenserie? Zunächst muss man unterscheiden zwischen Qualifikation EM-Halbfinale und Freundschaftsspiel. In Freundschaftsspielen wie gegen Frankreich nimmt man schon mal personelle Veränderungen vor und nimmt bewusst vielleicht auch mal weniger gute Resultate in Kauf. Die Rückschlage gegen Italien und Schweden waren natürlich schmerzhaft. Aber Pannenserie? Das Wort höre ich nicht so gern.

Was ist falsch daran?

Natürlich müssen wir einige Dinge verbessern. Aber grundsätzlich muss ich auch mal feststellen. Ich bin stolz auf die Entwicklung dieser Mannschaft. Was wir in den letzten zwei, drei Jahren geleistet und an Spielkultur hinzugewonnen haben, das waren Riesenschritte. Wir sind die Nummer zwei in der Welt. Wir haben Argentinien, England, Brazilien besiegt, wir waren den Holländern zuletzt fußballerisch überlegen. Wann hat es das schon mal gegeben?

Das alles ersetz keinen Titel.

Titel zu gewinnen ist ein Ziel. Kein Traum, ein Ziel. Ich mache mich jedoch schon ein bisschen frei davon, auch in der Beurteilung meiner Person. Solange ich spüre, dass die Mannschaft den Spielstil annimmt, den ich mir vorstelle, solange ich merke, dass sie Freude daran hat und wir endlich auch fußballerisch Trainer befriedigend und wertvoll.

Wird das den Fans reichen?

In Deutschland herrscht mittlerweile ein Denken, dass wir selbstverstandlich einen Title holen müssen. Ich teile das nicht, es gibt keine Titelgarantie. Man sollte auch Respekt haben vor den Leistungen und Anstrengungen anderer Nationen. Ich würde mir wünschen, unsere Mannschaft bekäme mehr Anerkennung dafür, dass sie so einen kreativen, offensiven Fußball spielen kann.

Ist das der Fluch der vielen Talente: dass die Leute meinen, nun müsse die WM gewonnen werden?

Haben wir denn wirklich eine solche Flut an Talenten? Wir haben eine Reihe von guten Mittelfeldspielern, die auch auf den Außenpositionen spielen konnen. Da sind wir mittlerweile zeitgemäß. Aber für den Sturm und die Abwehr müssen wir noch ein bisschen was tun in der Ausbildung.

Sie wollen sich beklagen?

Nein, Wir haben jetzt mehr Talente als 2006 und 2008, aber man muss ihnen auch Zeit geben, weiter zu reiten. Mario Götze oder Marco Reus und noch lange nicht im Zenit ihrer Leistungfähigkeit. Wenn man ein Turnier gewinnen will, muss man alle Positionen doppelt besetzen, alle Spiele müssen optimal performen, und zwar uber alle Spiele hinweg. So weit sind wir noch nicht. In der Bundesliga gut zu spielen reicht nicht, um Weltmeister zu werden.

Bis zum Halbfinale der EM wurde über Sie geredet und geschrieben, als könnten Sie über Wasser laufen. Nach dem Italien-Spiel grenzte die Kritik an Wut. Was spüren Sie deutlicher: Zuspruch oder Ablehnung?

Jeder Trainer muss da ein dickes Fell haben. Meines war im letzten haben Jahr vielleicht das eine oder andere Mal etwas dünner, das gebe ich zu. Aber diese Achterbahnfahrt war auch für mich eine Herausforderung. Erst völlig überzogen Ovationen, dann zum Teil auch unsachliche Kritik. Damit muss man erst umgehen können. Wir waren uns aufgrund unserer Qualitaten sicher, dass wir gegen Griechenland im Viertelfinale gewinnen wurden, egal mit welcher Aufstellung. Da muss man nachher nicht so einen Hype machen, mit waren diese Lobeshymnen zu viel. Ich habe gespürt: Das kann nicht gut sein.

Waren Sie eigentlich wütend nach dem Ausscheiden? Oder leer? Uberrascht? Enttäuscht?

Nach dem Spiel? Alles. Alle Gefühle kamen da hoch. Ich war maßlos wütend, dass wir Fehler gemacht hatten. Leer, als die Spannung abfiel. Und sehr enttäuscht.

Nach der EM wurde Ihnen vorgeworfen, Sie seien sechs Wochen lang abgetaucht, statt offentlich Rechenschaft abzulegen.

Ich habe sofort nach dem Spiel gegen Italien eine Pressekonferenz gegeben, am nächsten Tag im Flugzeug mit Journalisten gesprochen und mich direkt nach der Landung am Flughafen den TV-Sendern gestellt. Ich habe gemacht, was gemacht werden musste. Stellung beziehen, die Verantwortung übernehmen.

Sie haben sich nicht versteckt?

Nein. Naturlich wollte ich reflektieren and analysieren, was passiert ist, aber das ist in der Tiefe nicht innerhalb von ein, zwei Tagen zu schaffen. Eine EM aufzuarbeiten dauert drei bis vier Wochen. Außerdem spürt man nach so einer Niederlage, dass der Akku leer ist. Ich wollte zunächst das große Ganze überdenken, meine Idee von Fußball. Dabei habe ich festgestellt, dass sie richtig ist. Es war wichtig, dass ich keine Selbstzweifel hege. Danach erst war zu überlegen, welche Fehler man im Einzelnen abstellen muss.

Wie schalten Sie vom Fußball ab?

Ich kriege den Kopf beim Sport frei. Mit Freunden zusammen zu sein und nicht über Fußball zu reden, auch das ist für mich eine große Freude. Freunde, die nicht nur den Nationaltrainer Löw kennen, sind die besten Freunde. Ich habe gelernt, mir Zeit zu nehmen, um ins Kino zu gehen oder ein gutes Buch zu lesen.

Sind Sie ein Stress-Esser?

Ich esse gern Schokolade, aber während eines Turniers übertreibe ich es nicht damit. Ich spüre ja keine Belastung. Stress ist für mich das falsche Wort. Ich bin angespannt. Aber im positiven Sinne.

Wie außert sich das?

Bei einem Turnier läuft alles im Zeitraffer ab, du gewinnst, hast aber keine Zeit, dich zu freuen, weil am nächsten Tag schon wieder die Vorbereitung auf den nächsten Gegner beginnt. Im Urlaub, wenn ich mich erhole, kommen die Situationen hoch, die ich verdrängt habe und verarbeiten muss. Dann habe ich hier und da das Gefühl, unruhig zu sein. Während eines Turniers kann ich wunderbar schlafen. Anschließend eher schlecht.

Wie haben Sie denn nach dem turbulenten Fußballjahr die Winterpause verbracht?

Uber Weihnachten zu Hause, dann ein paar Tage in der Sonne. Abstand vom gewohnten Umfeld. Mal andere Farben, kein Fußballfeld.

Sind Sie kein Aktivurlauber mehr?

Manchmal suche ich immer noch neue Herausforderungen, Reize, die nichts mit meinen Beruf zu tun haben. Es ist gut für mich, andere Grenzbereiche kennenzulernen.

Zum Beispiel?

Als ich vor ein paar Jahren auf dem Kilimandscharo war. Das war das Anstrengendste, was ich in meinem Leben bisher gemacht habe. Vier, funf Tage laufen bis auf 5895 Meter Höhe, das verlangt dir viel ab. Du findest kaum Schlaf. Dazu das, Kopfweh. Dann geht man auf der letzten Etappe sieben, acht Studen zum Gipfel, nachts, bei minus zehn Grad und starkem Wind. Da habe ich bestimmt zehnmal zu meinem Bergführer gesagt: die Grenze ist für mich erreicht.

Und dann?

Dann habe ich mir ein Ziel gesetzt. Okay, zehn Schritte versuchst du jetzt noch mal. Zehn Schritte. Und dann noch mal zehn. Zwischendurch bin ich im Stehen fast eingeschlafen, trotz Puls 180, vollig entkräftet und nassgeschwitzt. Mein Bergführer hat mich aufgerüttelt: Weiter jetzt! Ich wollte unbedingt die nächsten zehn Schritte schaffen. Eine Stunde vor dem Gipfel erreichte ich einen Punkt, da hat sich meine Stimmung total gedreht.

Was war passiert?

Ich war wieder hellwach, hochmotiviert, körperlich in hervorragender Verfassung. Ich hatte ein anderes Tempo, ich war plötzlich euphorisch. Voller Freude. Ich habe davon etwas mitgenommen.

Was denn?

In irgendeiner Form geht es immer weiter, wenn man ein Ziel vor Augen hat. Für den menschlichen Körper und den menschlichen Geist gibt es fast keine Grenzen.

Der frühere Barcelona-Trainer Pep Guardiola gonnt sich ein Erholungsjahr, bevor er nach Deutschland zu Bayern München kommt. Ist so ein Sabbatical ein Modell auch für Sie?

Vielleicht irgendwann mal. Irgendwann wird es auch Zeit sein, sich neu zu orientieren. Im Moment, als Nationaltrainer, habe ich ja den Vorteil, dass ich mich zwischendurch zurückziehen und im Ausland umschauen kann, mir zur Weiterbildung Spiele ansehe in Italien, England, Spanien.

In München sind sie machtig stolz, Guardiola geholt zu haben.

Das konnen sie auch. Das ist ein gutes Signal des FC Bayern und für den deutschen Fußball. Wobei mir in der Diskussion von Jupp Heynckes ein wenig zu kurz kommen. Es sollte auch niemand erwarten, dass Guardiola den Bayern innerhalb kurzester Zeit eine Barcelona-Philosophie einpflanzt. Barcelona ist schon sehr speziell, dort gibt es seit 25 Jahren die gleichen Strukturen. Ich war mehrmals dort. Die U-14-Jugendmannschaft spielt exakt so wie die Profis. Da kann man eine Schablone drüberlegen. Davon sind wir in Deutschland noch ein ganzes Stück entfernt.

Die Bundeskanzierin gilt als Freundin der Nationalmannschaft. Wahlen Sie im September Angela Merkel?

Es ist schwer, sich jetzt politisch zu außern. Natürlich schätze ich auch Angela Merkel unheimlich, weil ich sie auch personlich kenne. Ich kenne ihre Freude für den Fußball. Ich schätze ihren Humor. Ich schätze ihre Gabe, wenn sie bein der Mannschaft ist, die ganz wichtigen Fragen auf den Punkt zu bringen und zu erklaren, so dass es jeder versteht und sich damit auseinandersetzt. Und unsere Spieler freuen sich in der Tat, wenn Angela Merkel mal in die Kabine kommt.

Herr Löw, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Maik Großekathöfer und Jorg Kramer.

Last updated 19 February 2013

With thanks to Silke and Susanne.
Photographs (which date from 2008/2010) scanned from article.
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