from der Spiegel
published in Germany, #50, 8 December 2014
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"Der rote Faden"

Bundestrainer Joachim Löw, 54, über Schlüsselmomente der WM, die schwierige Verarbeitung des Erfolgs, seine Selbstzweifel und neue Impulse für das Team.

Herr Löw, wie oft am Tag denken Sie an die Weltmeisterschaft zurück.

Na ja, wenn man immer wieder damit konfrontiert wird, ziemlich oft. Bei all den Ehrungen und Terminen hatte ich ja zuletzt kaum Chancen, die Dinge hinter mir zu lassen. Ich denke, dass ich das Thema zum Jahresende abschließen kann.

Das klingt, als sei Ihnen die Erinnerung unangenehm.

Das ist sie natürlich nicht, ganz im Gegenteil. Aber wichtiger ist, dass wir am Ende des Wm-Jahres nach vorn schauen. Wir müssen uns Gedanken machen, was wir verbessern können. Wir müssen uns ein Stück weit neu erfinden, das ist die Kunst nach solch einem Titelgewinn. Das muss man sich vorstellen wie in einer Forschungsabteilung eines erfolgreichen Unternehmens. Da analysieren sie auch den Istzustand, screenen die besten Mitbewerber, sammeln Ideen.

Und wenn Sie trotzem auf das Jahr zurückblicken, was fallt Ihnen auf?

Es war auch für mich persönlich das erfolgreichste Jahr. Aber vor allem war es die Bestätigung für die Arbeit, die wir in unserem Team in den vergangenen Jahren geleistet haben. Es begann ja schon 2004 zusammen mit Jürgen Klinsmann. Wir standen damals vor der Frage, wie wir es schaffen können, eine Mannschaft so weiterzuentwickeln, dass sie irgendwann mal um einen Titel mitspielen kann. Denn 2004 waren wir ja noch ein gute Stück von der Weltspitze entfernt. Nun haben wir den maximalen Erfolg erreicht - ein tolles Gefühl.

Und hat sich für Sie verändert?

Die Anerkennung ist unheimlich groß, vor allem im Ausland. Die Italiener etwa haben uns vorher belächelt. Wenn ich mich in Italien bewegt habe, riefen die Leute mir zu; Balotelli! Jetzt im Sommer war ich in Italien im Urlaub, und die Menschen riefen: Ihr habt es verdient. Die Menschen schätzen unseren Teamspirit. Sie erkennen, dass unsere Mannschaft für ihr Land, für die Fans gespielt und alles gegeben hat.

Haben Sie Lieblingsbilder von den WM-Wochen in Brasilien, die Ihnen gelegentlich in den Kopf kommen?

Da war die magische Nacht nach dem Schlusspfiff in Rio. Die unbändige Freude, als wir im Hotel ankamen. Es bleibt das Gefühl, dass wir eine unglaublich starke Einheit waren. Aber es gibt nicht den einen Moment. Genauso wenig gab es den einen Geniestreich, weder taktisch noch personell.

Aber gab es nicht Trainerentscheidungen, die wesentlich waren?

Wichtige Entscheidungen mussten wir bereits in den Wochen vor dem Turnier treffen. Zum Beispiel war klar, dass Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira aufgrund ihrer langen Verletzungspause nicht in der Lage sein würden, alle Spiele in dieser Intensität durchzustehen, also sieben Spiele im besten Fall.

Aber Sie haben trotzdem beide mitgenommen.

Ich war überzeugt, dass beide für die Mannschaft irgendwann extrem wichtig sein würden aufgrund ihrer Erfahrung, ihres Stellenwerts auf und neben dem Platz. Nach dem Sieg gegen Algerien im schwierigen Achtelfinalspiel war ich sicher: Jetzt war der richtige Zeitpunkt, beide gemeinsam im Mittelfeld einzusetzen. Jetzt waren beide in der Lage, das hohe Tempo zu gehen. Dazu musste ich Per Mertesacker aus der Mannschaft nehmen, das war eine schwere Entscheidung. Pers Reaktion war vorbildlich.

Und Sie mussten Philipp Lahm, Ihren Kapitan, aus dem Mittelfeld zurück in die Verteidigung beordern, um Platz für Schweinsteiger und Khedira zu schaffen. Hartnäckig hält sich das Gerücht, die Mannschaft - außer Lahm - habe Sie zu dieser Maßnahme gedrängt. Wie war es wirklich?

Ich hatte schon vor dem Turnier mit der Mannschaft darüber diskutiert. Und ich habe Khedira und Schweinsteiger gesagt, dass sie auf den richtigen Moment warten müssen. Also würde Lahm bei der WM auf der defensiven Mittelfeldposition beginnen, von dieser Konstellation war ich auch überzeugt. Philipp hat das hervorragend gemacht. Und nach dem Algerien-Spiel war eben der Moment, die Konstellation zu ändern. Darüber habe ich mit einzelnen Spielern gesprochen, klar. Ich höre ihre Meinungen an, aber entscheiden muss ich.

Khedira bekennt, dass er intern für eine Mittelfeldbesetzung Schweisteiger/Khedira geworden habe, also hat er eigennütziges Lobbying betrieben. Ist das im Sinne des Mannschaftsgeistes noch okay?

Er sagte mir ja schon vor dem Turnier, dass er dieser Meinung set. Das ist in Ordnung Sami ist ein absoluter Teamplayer.

Gab es andere Schlüsselsituationen im Turnier?

Bleiben wir bei Sami Khedira. Ihn im Finale draußen zu lassen oder nicht, das war eine schwierige Abwägung. Plötzlich traten vor dem Anpfiff die Wadenprobleme auf. Nach kurzer Rücksprache mit ihm und dem Arzt war es letztlich eine Bauchentscheidung. Wir hätten Schwierigkeiten bekommen, wenn Khedira aufgelaufen wäre, wir aber vielleicht schon nach zehn Minuten den ersten Spiel hätten auswechseln müssen.

Dann spielte er nicht, doch es fiel nach gut einer halben Stunde der Khedira-Ersatz Christoph Kramer aus, weil er angeknockt war. Sind Sie nicht fast verrückt geworden?

Es war wieder ein schwieriger Moment. Ich wüsste: Wir bringen jetzt, in einer frühen Phase des Spiels, für einen defensiven Mittelfeldspieler eine Offensivkraft.

Andre Schürrle, den späteren Wegbereiter des Siegtors von Mario Götze. Ein mutiger Griff?

Mir war bewusst, dass das auch riskant sein kann. Ich wollte aber ein Signal setzen, dass wir agieren müssen, dass wir es sind, die den Tor angeben.

Sie hatten in Pressekonferenzen darauf hingewiesen, dass es sogenannte Spezialkräfte wie Schürrle oder Götze geben müsse, die in bestimmten Phasen vielleicht die Spiele entscheiden. Waren das gezielte Botschaften an das Team, um die Reservisten bei Laune zu halten?

Natürlich nutzen wir Trainer solche Auftritte manchmal, um Botschaften zu senden - aber nach außen. Bei uns wird nichts in Pressekonferenzen gesagt, was nicht intern schon kommuniziert worden wäre. Und bei der WM war unsere interne Kommunikation immer sehr, sehr intensiv.

Die Mannschaft wurde allenthalben für ihr Auftreten gelobt, vor allem da für,dass sie den Gastgeber Brasileien beim 7:1-Sieg im Halbfinale nicht demütigte, obwohl es schon zur Pause 5:0 stand. Haben Sie darauf hingewirkt?

Es war ja schon ein wenig surreal, dass wir 5:0 führten. Es war offenkundig, dass Brasilien an diesem Tag nicht in der Lage sein würde, das Spiel noch zu drehen. Mir war klar, dass wir jetzt den Gegner nicht lacherlich machen. Wir mussten vielmehr selbst demütig sein, indem wir weiter konzentriert bis zur letzten Minute unsere Aufgaben erfüllen. Es gab keinen Anlass, von unserem Matchplan abzuweichen. Das waren so ungefähr meine einzigen Worte in der Halbzeitpause. Es gab in auch nichts zu korrigieren oder zu ändern. Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, dass das jetzt wichtig war für den weiteren Turnierverlauf: mit der gleichen Konzentration sachlich, seriös weiterarbeiten.

War vielleicht dies der große Schlüsselmoment des Turniers?

Die Spieler haben jedenfalls richtig reagiert. Keiner hat nachher das Ergebnis des Brasilien-Spiels überbewertet. Ich hörte an dem Abend von allen nur: Wir haben noch nichts erreicht, wir wollen diesen einen Schritt noch machen. Das gab mir das Gefühl: Die Zeit war jetzt reif. Die Mannschaft war jetzt bereit für den Titel.

Hatten Sie eigentlich immer schon das Selbstbewusstsein, überzeugend vor einer größeren Gruppe zu sprechen?

Das musste ich lernen. Ein Trainer muss ja nicht nur reden, sondern überlegen, wie er seine Ziele vermittelt. Wen muss ich dafür mitnehmen? Dieses Selbstbewusstsein hat man dann auch nicht immer. Ich werde auch jetzt noch ab und zu von Selbstzweifeln geplagt, sei es durch Niederlagen oder durch andere Enttäuschungen. Manchmal frage ich mich: Ist das jetzt der richtige Weg?

Und was machen Sie dann?

Dann mache ich mir bewusst: Was war denn unsere Idee, wovon sind wir überzeugt? Wo ist der rote Faden? Wir wollten immer attraktiven, begeisternden Fußball spielen.

Können Sie Ihren Trainerkollegen Armin Veh verstehen, der beim VfB Stuttgart die Brocken hinwarf mit der Begründung, er habe im Abstiegskampf keine Fortune?

Ich verstehe ihn. Es zeugt von Stärke, so etwas zu erkennen und so zu entscheiden. Als ich 1999/2000 Trainer beim Karlsruher SC in der zweiten Liga war, hatte ich vielleicht sollen, nicht erst, als der Abstieg quasi besiegelt war.

Was war da los?

Mit meinen Idee vom Fußball konnte ich die Mannschaft nicht zum Erfolg führen, das spürte ich in mir. Wir waren 17 Spiele ohne Sieg. Ich konnte der Mannschaft nicht mehr richtig helfen, keine Impulse mehr setzen. Ich hatte wenigstens von meiner Idee abrücken sollen, weil sie die Spieler vielleicht auch überforderte. Doch ich wollte das durchziehen, das war falsch.

Kennen Sie das Lied "Der Löw" auf dem neuen Album von Herbert Grönemeyer? Er besingt Sie und die WM "Der Löw war los, sie warn grandios...."

Er hat mir eine CD geschickt. Ich habe es einmal gehört, ja. Ich halte Herbert Grönemeyer für einen sehr intelligenten Künstler, der auch persönliche Erlebnisse in seinen Songs verarbeitet. Er ist ja großer Fußballfan. Es ehrt uns, dass er sich mit uns beschäftigt.

Er sagt, er möge Sie. Sie seien stur, ruhig und dickköpfig. Sehen Sie sich da gut getroffen?

Was soll ich sagen? Ich will als Trainer authentisch sein. Das habe ich mir bewahrt, glaube ich. Ich möchte mich nicht verstellen, sondern meine Überzeugungen leben. Wir sind doch alle keine Schauspieler, weder die Trainer noch die Spieler.

Dennoch fanden Sie sich, wie 2006, jetzt erneut in Berlin mit dem Team auf dem roten Teppich wieder - zur Film premiere von "Die Mannschaft". Die Weltmeister wurden inszeniert wie Hollywoodstars. Ist das authentisch?

Ach, kommen Sie. Das war eine einmalige Sache. Wir sind Weltmeister geworden, der Film ist gemacht worden.

... eine Art Imagefilm des DFB, indem immer alle gute Laune und nie Probleme haben.

Der Film ist für die Fans, und für sie ist es tolle Unterhaltung. Er muss keinen Ansprüchen des Feuilletons genügen. Und dass der Film promotet wird und wir zur Premiere gehen, war für uns selbstverständlich. Einen roten Teppich hätten wir natürlich nicht gebraucht. Übrigens sind die Spieler in dem Film durchaus authentisch. Sie waren diszipliniert und ehrgeizig bei der WM, aber auch mit viel Freude dabei. Ich gehe doch nicht zu Thomas Müller sage: Gleich kommt das Kamerateam, sei bitte lustig!

Sie haben jetzt den ganz großen Erfolg gemeinsam mit dieser MAnnschaft gefeiert. Sie überhaupt noch ein strenger Trainer sein und harte Entscheidungen fällen?

Sicher fühle ich eine gewisse Dankbarkeit gegenüber den Spielern. Mit einigen bin ich ja schon einen langen Weg gegangen. Mit Miroslav Klose, Per Mertesacker, Philipp Lahm, die zurückgetreten sind und auch mit Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski habe ich zehn Jahre lang zusammengearbeitet. Da spüre ich eine Verbundenheit. Und die WM wird uns auch immer verbinden. Aber wenn es wieder losgeht, ist die aktuelle Leistung der Maßstab und nicht der Sommer der schönen Erinnerungen.

Was Sie erreicht haben, werden Sie in Ihrem Beruf nicht mehr steigern können. Haben Sie gar kein Motivationsproblem?

Ich habe mich direkt noch der WM bewusst zwei, drei Tage zurückgezogen, um zu spüren, was ich empfinde, welche Gedanken mir kommen. Erreiche ich die Spieler noch? Bin ich in der Lage, sie noch weiterzuentwickeln? Was ist jetzt die Aufgabe?

Und?

Die Aufgabe ist, den Erfolg zu bestätigen. Zu zeigen, dass das keine einmalige Sache war. Die Mannschaft hat das Potenzial, dass sie sich noch weiter entwicklen kann. Diese Motivation habe ich gespürt. Ich möchte bis zur Europameisterschaft 2016 diese Bestätigung erreichen. Dieser Ehrgeiz treibt mich an. Spanien hat drei Titel hintereinander gewonnen, eine Ära geprägt. Das haben wir noch nicht erreicht.

Nach der WM folgte für Ihre Mannschaft aber erst mal ein Stotterstart in die EM-Qualifikation mit einer Niederlage gegen Polen, dem Remis gegen Irland, holprigen Siegen gegen Schottland, Gibraltar.

Mir war bewusst, dass der Einstieg in den Alltag schwierig sein würde. Ich hatte erwartet, dass so eine Erfolgsgeschichte genauso schwer zu verarbeiten ist wie eine Enttäuschung. Und Gegner wie Schottland würden sich nicht bereitwillig die Butter vom Brot nehmen lassen, bloß weil wir jetzt Weltmeister sind. Einige unserer Spieler würden Formschwankungen haben wegen der kurzen Pause. Dazu kamen Verletzungen. Die Rücktritte. Wir mussten erst mal wieder eine gewisse Stabilität erreichen, bevor wir neue Reize setzen.

Und jetzt kommt Ihre Forschungsabteilung ins Spiel?

Genau. Wir haben nach der Weltmeisterschaft angefangen zu analysieren: Wohin entwickelt sich der Fußball, was sind die wichtigsten Erkenntnisse des Turniers? Wir sind da noch in der Findungsphase. Ich weiß nur, wir müssen uns veranderen. Vor dem Titelgewinn war ich der Meinung nicht. Aber die Gegner stellen sich auch auf uns ein. Wir müssen flexibler werden.

Sie haben bereits die Dreier-Abwehrkette als neue Variante eingeführt. Das ist taktische eigentlich ein alter Hut.

Ich habe unserem Chefscout Urs Siegenthaler schon vor einem Jahr den Auftrag gegeben: Guck dir mal die italienischen Mannschaften an, warum spielen manche wieder mit der Systematik von vor 25 Jahren? Auch Chile ist so ein Fall. Wie kann man es am besten trainieren? Vielleicht brauchen wir da mal einem Trainer, der das früher schon jahrelang gespielt hat und der uns jetzt weiterbildet.

Einem Gastdozenten?

Einen, der uns sagt, wo er Schwierigkeiten hatte und wie er sie behoben hat. Die Dreierkette ist ja auch nur ein Teil des Puzzles.

Was können Sie sonst noch auf den Prüfstand stellen?

Auch die Besetzung in vorderster Front. Macht es vielleicht wieder Sinn, mit zwei Stürmern zu spielen? Welche Spieler stehen dafür zur Verfügung, welche kommen womöglich nach? Wir suchen noch die richtigen Lösungen. Das ist unsere Aufgabe für Januar, Februar: Wann beginnen wir mit welchern neuen Input?

Die Erwartungen sind gestiegen. Ist das der Fluch des Titelgewinns?

Einen Fluch des Titelgewinns gibt es nicht. Der Titel behält seinen Wert. Die Erwartungen der Fans waren ja immer da. Nach 2010, als wir so etwas wie die Weltmeister der Herzen waren, sind sie nochmals gestiegen. Und 2012 bei der EM war die Enttäuschung immens. Sie sehen, die Drucksituation erhöht sich jetzt kaum. Gegen Deutschland spielen alle mit größter Motivation.

Herr Löw, wir danken Ihnen für dieses Gespräch

by Jorg Kramer in Freiburg.

There was no new photoshoot with the article, the main one used was from the Peter Rigaud 2012 photoshoot, more stills from which can be seen in the Stern, February 2012, interview

With thanks to Susanne.

Last revised 21 December 2014
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