from Mobil
Magazine of the Deutsche Bahn
published in Germany, September 2011

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"Ohne Vertrauen keine Motivation"

(I have included the parts of the interview with Joachim Löw only)

Der Bundestrainer und der DB-Chef haben eine größe Gemeinsamkeit. Das ganze Land kommentiert ihre Arbeit. Mobil sprach mit Joachim Löw und Dr Rüdiger Grube über Teamführung, Nachwuchsförderung und das große offentliche Interesse am Fußball und an der Bahn.

Besitzen Sie eigentlich eine dieser Deutschlandfahnen fürs Auto, Herr Löw?

Nein, ich habe bisher keine Fahne fürs Auto. Aber ich finde sie toll. Diese Fahnen machen die Begeisterung in unserem Land für den Fußball so sichtbar. Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika haben wir den Spielern Filme gezeigt, in denen man Schlangen von Autos mit den Fahnen sieht, um zu demonstrieren, wie viel Emotionen und Begeisterung der Fußball und sie zu Hause verursachen.

Wie zeigen Sie persönlich Ihre Begeisterung, wenn Sie selbst einmal nicht beteiligt sind?

Ich bin nicht der Typ, der wahnsinnig aus sich herausgeht. Da werde ich nicht laut. Anders ist das natürlich auf dem Platz, wenn ich unmittelbar beteiligt bin. Da reiße ich schon aus Freude die Arme hoch oder schreie mal, wenn mir was nicht gefällt.

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Wie wichtig ist es Ihnen, dass Ihr Team nicht nur gut Fußball spielt, sondern auch menschlich begeistert?

Bei uns ist immer erst die Leistung des Teams wichtig. Das spielt die alles entscheidende Rolle für mich. Die Fußballnationalmannschaft repräsentiert aber Deutschland, wir vertreten unser Land, und da ist es uns auch ganz wichtig, dass die Spieler einen starken Charakter zeigen.

Arbeiten Sie mit den Spielern auch an ihren Persönlichkeit?

Oh ja. Die Persönlichkeitsbildung ist ein wichtiger Teil unserer Ausbildung. Wenn die Spieler zu uns kommen, sind sie sehr jung und in ihrer Entwicklungnoch nicht fertig. Da bieten wir unsere Hilfe an. Ob Trainer, Manager oder Mitarbeiter wie unser Sportpsychologie - wir führen manch interessantes Gespräch über Lebens- und Zukunftsangelegenheiten mit den Spielern.

Nicht immer begegnet einem nur Begeisterung. Wie motiviert man in schwierigen Zeiten, Herr Grube?

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Eine Führungskraft muss immer Visionen haben. Ich frage mich zum Beispiel, wie unser Team in zwei oder vier Jahren aussehen und spielen könnte.

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Welche sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Elemente der Motivation, Herr Löw?

Zuerst muss ich als Trainer eine klare Vorstellung von dem haben, was ich erreichen will. Ich brauche ein Ziel, einen roten Faden. Der nächste wichtige Schritt ist die Transparenz. Ich muss meine Strategie offenlegen und erklären. Und dann muss ich die einzelnen Aufgaben auf die Mitarbeiter verteilen, ganz bewusst einen Teil der Verantwortung an sie delegieren. Dann wollen die Menschen auch mitarbeiten, weil sie sich zu recht ernst genommen fühlen.

Wie viel Kritik aus dem Team erwarten Sie, Herr Grube, wenn Sie Ihre Ziele nennen?

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Bei uns ist das ein Muss, dass die Spieler ihre Meinung sagen. Das erwarte ich von ihnen. Beim Fußball haben wir die Besonderheit, dass sich viel in der Öffentlichkeit abspielt, auch die Spieler sich ständig in der Öffentlichkeit äußern, bei einem großen Turnier zum Beispiel. Da sind sie dann oft etwas vorsichtiger. Aber intern müssen alle alles klar und deutlich ansprechen und kritisieren können.
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Wie motivieren Sie sich selbst, Herr Löw?

Das muss ich gar nicht, zum Glück. Auch nicht in Momentum, wo nicht alles nach Wunsch läuft. Für mich ist Fußball wie das Leben - ein Wellental eben. Da geht es auf und ab. Beim Fußball ändern sich die Dinge manchmal sehr schnell. Erinnern Sie sich noch an 2006? Erst gewinnen wir das Elfmeterschießen gegen Argentinien, der Jubel ist grenzenlos, drei Tage später verlieren wir gegen Italien in letzter Minute. Oder 2010, erst die Siege gegen England und Argentinien und dann die Niederlage gegen Spanien. Aber selbst in Momenten größter Enttäuschung ist es wichtig, dass wir von unserer Arbeit überzeugt sind. Das ist ohnehin eines unserer wichtigsten Kriterien. Wir entscheiden so, wie wir es für richtig halten und lassen uns von außen nicht unter Druck setzen.

Wie ist das nach wichtigen Niederlagen des Teams? Kommen Ihnen da die Tränen?

Nein. Aber 2006 - da war ich ja noch Co-Trainer von Jürgen Klinsmann - und viele Trainen in der Kabine geflossen. Ich erinnere mich noch, dass ich - wie soll ich sagen - ganz gedankenversunken in meiner Ecke der Kabine saß. 2010 hatte ich dazu keine Zeit. Da standen für mich als Bundestrainer Fernsehinterviews und Pressekonferenz, sodass ich erst bei der Busfahrt zum Flughafen mal etwas Ruhe hatte.
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Aktivität hilft auch mir sehr bei der Verarbeitung. Ob beim Laufen oder Mountain-biking, ich baue dabei Stress ab, und es kommen mir gute Ideen. Manchmal ist es erst nur ein Bauchgefühl, etwas Intuitives, was dann aber später ganz konkrete Folgen haben kann. Ob für die Mannschaftsaufstellung oder andere Entscheidungen.

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Herr Löw, Sie gelten als Meister der Integration junger Spieler und Spieler mit Migrationshintergrund. Was ist ihr Geheimnis?

Da kann ich mich nur wiederholen. Für mich ist einzig und allein die Qualität der Spieler entscheidend, wenn ich sie ins Team berufe. Ihr Migrationshintergrund spielt keine Rolle. Das heißt aber nicht, dass diese Spieler wegen ihrer Abstammung nicht Besonderheiten mitbringen und einbringen, was für uns alle absolut positiv ist. Mesut Özil hat türkische Wurzeln, Sami Khedira tunesische. Sie bringen, wie auch Jerome Boateng, ihre Mentalität nicht nur auf dem Platz ein. Für uns ist das eine Bereicherung, und ich denke, dass unser Multi-Kulti-Team bei der WM 2010 viele Sympathien gewonnen hat.
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Und wie verarbeiten Sie Misserfolg?

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Nach einem Misserfolg brauche ich Zeit für mich allein. Aber auch nach einem großen Erfolg. Ich muss die Freude mehr sofort mit jedem teilen. Abgesehen vom Jubel in der Kabine natürlich. Ich freue mich im Stillen und trinke auch gern ein Glas Rotwein.

Wie kommen Sie mit dem Druck zurecht, dass bei jedem großen Turnier ein ganzes Land hofft, dass Ihre Mannschaft gewinnt, Herr Löw?

Ich empfinde den Druck gar nicht als so groß, eher das öffentliche Interesse. Trotzdem lasse ich mich davon nicht beeinflussen. Denn wenn wir ein großes Turnier spielen, blende ich alle Einflüsse von außen komplett aus und bin so konzentriert, dass ich nur an die Mannschaft und meine Arbeit denke. Da kann ich mich von diesem offentlichen Interesse fast völlig frei machen. Erst hinterher, wenn ich Urlaub mache, bemerke ich manchmal, wie groß dieses öffentlich Interesse war. Wenn mir so richtig klar wird, dass da zwei Milliarden Menschen auf der Welt ein Spiel von uns am Fernseher gesehen haben.
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Braucht eine Mannschaft Druck, Herr Löw?

Eine Mannschaft braucht eine klare Ansage. Und das kann kompliziert sein. Einige Spieler muss man rational ansprechen und andere emotional. Da ist jeder anders. Einer verspürt den Druck sehr und ist ihm vielleicht nicht gewachsen, einem anderen ist das egal. Gerade junge Spieler sind oft risikofreudig und ungezwungen, selbst bei großen Turnieren.
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Da haben Sie absolut recht. Ich erinnere mich gerade an die Fanmeilein Berlin, wo uns nach der WM 2006 eine halbe Million Menschen empfangen haben. In solchen Momenten bin ich natürlich auch glücklich, dass ich dabei sein darf.

Schauen wir einmal in die Zukunft: Welches sind Ihre nächsten Visionen, Herr Grube?

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Ganz klar, unser nächstes großes Ziel ist eine erfolgreiche Europameisterschaft in der Ukraine und in Polen.

Nationaltrainer und Bahnchefs gehen in der Regel aus Ihrer Funktion nicht direkt in die Rente, was bedeutet das für Sie?

Das sehe ich genauso. Trotzdem: Der Sport ist ein wichtiger Teil in meinem Leben, aber das ist nicht das Wichtigste. Meine Familie und meine Freunde sind am Ende entscheidender als jeder Sieg und jede Niederlage, so sehr mir mein Beruf gefällt. Denn Bundestrainer zu sein ist einer der schönsten Jobs der Welt.

Last updated 3 January 2015

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