from Kicker
published in Germany, 22 December 2014

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"Es gibt keinen Fluch des Titels. Dieser WM-Titel steht"

Die Skepsis war groß, aber Joachim Löw (54) hat die richtigen Antworten gefunden. Und seine Mannschaft zum ersehnten WM-Titel geführt. Der kicker kürt ihn erneut zum Mann des Jahres.

Freiburg, Hotel Colombi. Hier, in diesem gediegenen Ambiente, empfängt Joachim Löw besonders gerne. Hier darf er mehr Mensch als Star-Trainer sein, hier wird er mehr als Mitbürger denn als Weltmeister wahrgenommen, hier ist er relaxter als anderswo. Für die kicker-Redaktion ist Joachim Löw zum zweiten Mal der Mann des Jahres. 2011 wurde er dafür ausgezeichnet, dass er der Nationalmannschaft einen attraktiven und offensiven Spielstil verpasst hatte, der in aller Welt Anerkennung fand. 2014 hat er diese Mannschaft durch erliche Turbulenzen hindurch zum WM-Gipfel geleitet. In den 90 Minuten mit dem kicker geht er das Jahr noch einmal durch, spricht darüber, wie er seinen Masterplan entwicklet, wie er diese Mannschaft geformt und geführt hat.

JANUAR 2014: Lö;w trifft sich mit seinem engsten Beraterstab, bestehend aus Hansi Flick, Andreas K˛pke, Urs Siegenthaler und Oliver Bierhoff. Drei Tage geht das Quintett in Klausur, danach steht der erste Entwurf des Masterplans.
Herr Lö;w, welche Weichen wurden bei diesem Treffen gestellt?

Zu dem Zeitpunkt hatte die WM ein Gesicht, wir kannten unsere Gruppengegner und unser Quartier und konnten planen, wie die verschiedenen Wege durch das Turnier aussehen. WIr haben uns intensiv mit Fragen auseinandergesetzt wie: Was ist unsere Strategie mit der eigenen Mannschaft? Wie muss die Vorbereitung aussehen? Welches Personal kommt infrage, um die Anforderung zu erfüllen?

Was war dabei ausschlaggebend?

Das entscheidende Kriterium ist natürlich die sportliche Leistungs-fähigkeit. Aber meine Erkenntnis aus den vorhergehenden Turnieren war, dass das allein nicht ausreicht. Für ein Turnier ist es wichtig, die richtigen Charaktere zusammenzustellen.

Welche Punkte waren bei diesem Charaktertest entscheidend?

Gefragt waren die Spieler, die teamfähig, integrativ und kommunikativsind die Verantwortung übernehmen wollen, die diszipliniert und ehrgeizig sind. Dann ging es auch um die Zusammensetzung: Ich wusste, dass wir bei diesen Bedingungen wahrscheinlich in jedem Spiel das volle Wechselkontingent würden ausschö;pfen müssen. Deshalb wollte ich auch junge Spieler mitnehmen, die Druck machen und sich positiv in dieser Gruppe verhalten kö;nnen, wie zum Beispiel Erik Durm und Matthias Ginter.

Wie lang war diese erste Liste?

Als wir sie im Januar zusammen stellten, haben wir uns auf 30 Feldspieler beschränkt.

Waren zu diesem Zeitpunkt bereits alle ausgeführt, die Sie dann später mit nach Brasilien genommen haben?

Nein, Christoph Kramer noch nicht. Er rückte erst in der Rückrunde in unseren Fokus.

APRIL 2014: Sami khedira, der im November 2013 einen Kreuzbandriss erlitten hatte, schickt Löw aus Sizilien Videoclips von seinen ersten Zweikämpfen in einem Trainingsspielchen mit seinem Bruder gegen den Reha-Trainer und den Therapeuten. Der Bundestrainer erklärt danach ö;ffentlich, für den Mittelfeldspieler stehe die WM-Tür "bis zum letzten Moment" offen.
Warum haben Sie dieses frühzeitige Bekenntnis abgegeben.

Ich wollte verdeutlichen, dass ich auf einen Spieler mit solch einem Wert für die Mannschaft bis zuletzt warte. Eine oder zwei solcher Situationen erträgt eine Mannschaft. Bei Sami hatte ich das Gefühl, dass er wahnsinnig fokussiert war, sich unglaublich quälte für diese WM und mit seiner Mentalität sowie seinem Siegeswillen für die Mannschaft, egal in welcher Funktion, sehr wichtig ist.

Nach dem USA-Spiel hat Khedira als Ersatzspieler ö;ffentlich eine schnellere Spielweise gefordert. Durfte er das?

Manche Botschaft, die ö;ffentlich verschickt wurde, war zuvor intern mit mir besprochen worden. Sami und ich hatten schon in der Vorbereitung darüber gesprochen, ich kannte seine Meinung, und er kannte meine Deshalb war es kein Problem für mich.

Trotzdem waren er und Bastian Schweinsteiger nicht begeistert, dass sie zunächst nicht gemeinsam die Doppelsechs bilden durften.

Es war zu Beginn des Turniers meine klare ▄berzeugung, dass wir nur so durchkommen konnten. Und ich wurde bestätigt. Ich kannte die schwierigen Bedingungen besser als die Spieler. Ich wusste, dass gerade diese beiden anfangs noch nicht in der Lage waren, sieben Spiele auf hö;chsten Niveau eine Top-Performance abzurufen. Ich wusste, dass es so lange eine Aufgabenteilung geben musste, bis ich aus dem Training die Erkenntnis hatte, dass beide gemeinsam spielen konnten.

Haben die beiden das akzeptiert?

Ich habe schon in der Vorbereitung in Südtirol beiden erklärt, dass Philipp Lahm für uns auch im Mittelfeld ein sehr wichtiger Spieler sein kann, der für die Symmetrie und Organisation sorgt. Dass Spieler vom Format eines Schweinsteiger oder Khedira mal anderer Meinung sind, betrachte als vö;llig normal. Natürlich hatten diese Spieler das durchstehen. Aber die Entscheidung trifft am Ende der Trainer.

MAI 2014: Lahm und Manuel Neuer verletzen sich im DFB=Pokalfinale zwischen Bayern und Dortmund schwer, kö;nnen im Trainingslager in Südtirol ebenso wie Bastian Schweinsteiger nur individuell üben. ▄berschattet wird die Vorbereitung zudem von einem Unfall während einer Werbeveranstaltung des Hauptsponsors und der vorzeitigen Abreise Lars Benders wegen einer schweren Muskelverletzung. Beim 2:2 im Testspiel gegen Kamerun zeigt sich die Mannschaft nicht titelreif.
Gab es während dieser Vorbereitung einen Moment des Zweifels?

Nein. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass die Mannschaft die Mentalität ins Trainingslager mitbrachte, hart zu arbeiten, um den nächsten großen Schritt zu machen. Ich wusste, dass sie unsere Spiel-Idee und Vorgehensweise automatisiert hatte und dass wir aus den Enttäauschungen gelernt hatten.

Dass kann der Reus-Ausfall im letzten Test gegen Armenien. Wie geht ein Trainer damit um?

Das hat uns allem wehgetan, vor allem auch für Marco. Ich bin überzeugt, dass er eine ganz starke WM gespielt hätte. Aber ein solcher Reflex darf mich nur ganz kurz berühren. Meine erste Aufgabe war es, nach anderen Lö;sungen zu suchen. Und die hatten wir in Thomas Müller, Mario Gö;tze und Andre Schürrle. In der Offensive hatten wir genügend Alternativen, daher haben wir Shkodran Mustafi nachnominiert als zusätzliche Option für die Defensive. Solche Schwierigkeiten waren mir durch die Turniere davor nicht fremd. 2010 war Michael Ballack kurzfristig ausgefallen.

Es war Ihr viertes Turnier als Cheftrainer. Hat sich Ihr Führungsstil verändert?

Natürlich sammelt man Erfahrungen und findet Situationen, an die man sich erinnert. Und das war in Brasilien in manchen Momenten der Entscheidung schon sehr wichtig. Aber es gab im Campo Bahia nicht mehr oder weniger Freiräume als in den Turnieren davor. Ich habe immer situativ entschieden, ob ich den Spielern etwas mehr Freiräume geben konnte oder ob die Konzentration da sein musste. Diese Abwechslung und die Balance zwischen Anspannung und Entspannung ist bei einem Turnier extrem wichtig. Und da hatten wir mit dem Campo Bahia die perfekten Voraussetzungen. Wir hatten hervorragende Trainingsbedingungen und konnten physisch und mental regenerieren. Das war im Vorfeld die beste Entscheidung, die wir treffen konnten.

30 JUNI 2014: Im Achtelfinale steht die DFB-Auswahl gegen ALgerien vor dem KO, gewinnt dank Manuel Neuer in der Verlängerung mit 2:1. Lö;w nimmt gegen Frankreich grundlegende Veränderungen vor; Lahm verteidigt rechts, Schweinsteiger und Khedira bilden die Doppelsechs, Mertesacker muss auf die Bank, und Klose stürmt erstmals als echte Neun in der Startelf.
War das Algerien-Spiel der Knackpunkt auf der Weg zum Title?

Es war zumindest das Spiel, in dem die Mannschaft merkte, dass sie einen unangenehmen, aufsässigen Gegner mal glanzlos niederkämpfen und mit einem Tor Unterschied gewinnen kann. Dazu waren wir in der Vergangenheit nicht so in der Lage - zum Beispiel im EM-Halfinale gegen Italien. Deshalb war das Algerien-Spiel für die Mannschaft wichtig.

Warum haben Sie danach trotzdem ziemlich viel umgestellt?

Es mussten neue Reize gesetzt werden. Und der zweite Aspekt: Frankreich war im Zentrum wahnsinnig stabil und kompakt, wir konnten nur über die Außenbahnen Freiräume bekommen. Also entschieden wir uns für Philipp Lahm als rechten Verteidiger. in diesem Spiel war dies die Position, auf der er Akzente nach vorn setzen sollte. Mit ihm konnten wir mehr Druck entwickeln, zumal Jerome Boateng das Zentrum in der Defensive beherrschte und uns dort gemeinsam mit Mats Hummels Stärke und Sicherheit verlieh.

Wie beurteilen Sie die generelle Entwicklung von Boateng?

Jerome hat in den vergangenen zwei Jahren extreme Fortschritte gemacht. Ich bin begeistert von ihm, weil er mit einer unglaublichen Konstanz spielt und eine sehr gute Spielerö;ffnung hat. Seine Pässe durch die erste Linie hindurch sind hervorragend, rechts wie links. Das macht einen guten Innenverteidiger aus. Im Finale hat er gemeinsam mit Mats Hummels eine überragende Leistung gezeigt.

Warum haben Sie die WM mit vier Innenverteidigern beginnen?

Diese Idee hatte verschiedene Gründe: Verletzungen, Klima, Turniersituation, Anstoßzeit. Ich wusste aber, dass wir mit Blick auf das gesamte Turnier flexibel bleiben mussten. Bei diesen Bedingungen war es zunächst wichtig hinten stabil zu stehen. Und mit fünf, sechs offensivstarken Leuten waren wir immer in der Lage, ein Tor oder zwei zu erzielen.

8 JULI 2014, Belo Horizonte: Dem 1:0 über Frankreich im Viertelfinale folgt im Halbfinale das historische 7:1 gegen Brasilien. Schon nach 29 Minuten liegt der WM-Gastgeber durch die Tore von Müller, Klose, zweimal Kroos und Khedira 0:5 zurück.

Was haben Sie zur Halbzeit gesagt?

Dieses 5:0 war auch für mich so nicht vorhersehbar. Ich habe auf dem Weg in die Kabine überlegt: Welche Ansatzpunkte habe ich denn, welche Informationen und welche Vorgaben braucht die Mannschaft für die zweite Halbzeit? Mit war klar, dass das Spiel gewonnen war, weil ich gesehen habe, dass der Gegner am Boden lag und vö;llig schockiert war. Mir war nur eines wichtig, und auch nur das habe ich gesagt: Es gibt keinen Grund, etwas zu ändern. Wir werden das Spiel seriö;s, konzentriert, mit Demut und Klarheit zu Ende spielen.

Haben Sie der Mannschaft verboten, den WM-Gastgeber zweistellig zu zerlegen?

Nein. Ich habe nur gefordert, an der Spielart und der taktischen Vorgabe festzuhalten. Das war wichtig mit Blick auf das Finale.

Wie war die Stimmung im Team?

Es war in der Kabine keine überschäumende Freude zu spüren. Die Stimmung war natürlich positiv. Wichtiger für mich war die Stimmung nach dem Spiel.

Warum?

Weil ich mich da an 2010 erinnerte, als wir erst England 4:1, dann Argentinien 4:0 geschlagen hatten. Nach dem Viertelfinale waren wir alle - ich schließe mich ein - in einer unglaublichen Hochstimmung. Und die hatte vielleicht ein, zwei Tage zu lange angehalten vor dem Halbfinale gegen Spanien. In Belo Horizonte war es komplett anders. Bei den Gesprächen, die ich in der Kabine und am Abend führte, sagten alle Spieler: Trainer, wir wissen, dass der Weg noch nicht zu Ende ist. Das gab mir das Gefühl: Jetzt ist die Zeit reif für den Titel.

13 JULI 2014, Maracana: Ehe Lö;ws erstes WM-Finale angepfiffen wird, herrscht helle Aufregung. Nicht der im Spielberichtsbogen aufgeführte Khedira läuft ein, sondern Christoph Kramer.
Was ging Ihnen durch den Kopf, als Khedira seine Beschwerden signalisierte?

Die Zeit war zu kurz, um lange nachzudenken. Es war eine Viertelstunde bis zum Anpfiff, Sami lag in der Kabine auf der Bank, und wir haben uns alle angeschaut. ich kann mich erinnern, dass ich Müller-Wohlfahrt gefragt habe: Besteht irgendein Risiko, wenn er spielt? Für mich war klar, dass in diesem Falle ein anderer spielen musste. Ich wollte keinesfalls nach zehn Minuten in einem Finale wechseln müssen. Diesen Fehler, in einem wichtigen Spiel einen angeschlagenen Spieler einzusetzen, hatte ich schon einmal gemacht.

Wie hat Khedira reagiert?

Er hat gesagt: Trainer, ich habe auch Bedenken, ob ich das Spiel durchstehe. Es spricht für seine Grö;ße und Persö;nlichkeit, so etwas vor einem Finale so offen selbst anzusprechen.

Dann aber mussten Sie nach Kramers Gehirnerschütterung trotzdem früh wechseln, brachten dafür Andre Schürrle.

Ich war mir bewusst, dass es eine riskante Entscheidung ist. Die Frage war: Kevin Großkreutz auf dieser Position oder mit Andre Schürrle die mutigere Variante?

Was gab den Ausschlag?

Bauchgefühl. Ich wollte nach gut 30 Minuten ein Zeichen setzen, dass wir dieses Spiel nicht nur überstehen, sondern den Gegner beschäftigen, verunsichern wollen.

Und der zweite Wechsel saß ebenfalls. Nach Schürrle, dem späteren Flankengeber zum Siegtor, wechselten Sie Matchwinner Mario Gö;tze ein. Auch Bauchgefühl?

Die Frage vor dem Finale war: Beginnt Gö;tze oder aber Klose? Miro ist ein Spieler, vor dessen Namen gerade die Argentinier wahnsinnig viel Respekt haben. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass Gö;tze der etwas unberechenbarere Spieler ist, wenn er reinkommt. Deshalb lautete die Entscheidung: Klose beginnt, bis die Kräfte nachlassen - dann kommt Gö;tze, ich wusste, dass er ein Spieler ist, der entscheidende Momente kreieren kann und besondere Tore macht.

13. JULI 2014, 18.36 Uhr Ortszeit, Rio de Janeiro: Schlusspfiff, der Jubelsturm. Zwei liegen sich besonders lange und innig in den Armen: Lö;w und Schweinsteiger.
War es hilfreich, dass die Bayern-Spieler 2013 bereits die Champions League gewonnen hatten?

Das war ein wichtiger Punkt. Spielern wie Lahm oder Schweinsteiger die der Kritik ausgesetzt waren, sie kö;nnten keine großen Titel gewinnen, hat dies viel Erleichterung verschafft und Selbstvertrauen gegeben. Die Bayern-Spieler gehö;ren zum Rückgrat der Mannschaft. Ihnen hat man angemerkt, dass sie zwei auch international erfolgreiche Jahre hinter sich hatten. Dieses Sieger-Gen, Die Mentalität, jedes Spiel unbedingt gewinnen zu wollen, kam dadurch verstärkt in die Mannschaft. Aber sie allein konnten die WM nicht gewinnen. Ausschlaggebender Punkt war, dass wir es in der Vorbereitung geschafft haben, als richtige Einheit zu funktionieren.

Steht Schweinsteiger symptomatisch für den Wandel; 2012 der große Verlierer, der gegen Chelsea den letzten Elfmeter an den Pfosten schoss; 2014 der Mann, der sich nicht unterkriegen ließ?

Für diesen Wandel stehen nicht nur diese zwei Spiele, er ist das Ergebnis seiner ganzen Karriere. Schweinsteiger hat einen Reifeprozess durchlaufen und hatte - wie andere auch - in diesem Fianle diesen unbedingten Willen, Weltmeister zu werden. Das war ein Produkt seiner ganzen Arbeit und seiner gesamten Karriere. In diesen 120 Minute von Rio hat man bei ihm gespürt: Jetzt mö;chte ich diesen Schritt machen und ein Champion werden.

Was es im Rückblick richtig, immer zu Mesut Ízil zu halten?

Mesut war seit 2010 und bei der WM ein wesentlicher Bestandteil. Er kann Spiele durch Pässe und geniale Ideen entscheiden, er hat ein unglaubliches Potenzial, wie man es seiten findet auf dieser Welt. Ich weiß, dass er noch große Ziele hat und 2015 wieder zur früheren Form kommen will. Die WM war nicht einfach für ihn, weil er kö;rperlich stark beansprucht gewesen war aus der englischen Liga. Von 2010 bis 2013 war Mesut vor allem in der Nationalmannschaft eine herausragende Spielerpersö;nlichkeit.

Ist es für Sie logisch oder eher überraschend, dass Toni Kroos im Jahr 2014 die meisten Länderspiele Ihrer Schützlinge absolviert hat?

Toni ist auf seiner Position im Moment der beste Spieler der Welt. Er hat bei uns das ganze Jahr überragend gespielt und seit 2012 den grö;ßten Sprung bei uns gemacht.

DEZENVER 2014: Für Lö;w ist es der Monat, in dem er von Ehrung zu Ehrung ein.
Sehnen Sie das Jahresende herbei?

Ich freue mich, wenn der Blick wieder nach vorn gerichtet ist. Ich habe die Erkenntnis, dass wir uns nun in manchen Bereiten neu erfinden müssen. Unsere Gegner haben unsere Spielweise inzwischen analysiert, deshalb müssen wir neue Reize setzen. Wir haben den Titel geholt und stehen ganz oben, aber die Kunst ist es jetzt, dies zu bestätigen und noch besser zu werden.

Ist es das, was Sie antreibt?

Ja. Nach dem Titel gibt es noch mehr Ziele, wobei ich meine Arbeit und mich selbsts immer schon unabhängig von Titeln bewertet habe.

Gab es für Sie nach der WM einen Augenblick, da Sie ans Aufhö;ren dachten?

Nein, diesen Gedanken hatte ich nicht, ich wollte alles auf mich wirken lassen und mich prüfen, ob ich noch begeisterungsfähig war, ob ich die Spieler erreicht, ob ich noch neue Ideen habe. nach wenigen Tagen spürte ich schon wieder die Motivation. Ich habe zu meinem Stab gesagt: Wohin bewegt sich denn der Weltfußball, wo wollen wir 2016 stehen? Wie wollen wir, dass unsere Mannschaft spielt?

Wie lautet die Antwort?

Das muss noch reifen. Ich habe Ideen. Wir müssen uns alle weiterbilden, wir müssen wieder Vorreiter sein. Die Dreierkette kann eine Variante sein, mö;glicherweise geht der Fußball zuruck zu zwei Stürmern. Das sind aber nur Puzzleteile, am Gesamtbild arbeiten wir.

Sehen Sie denn neue Kandidaten für den Angriff?

In der Bundesliga sind diese Positionen oft von Ausländern besetzt, in den U-Bereichen sieht hinter den Stoßstürmern ein Fragezeichen, ebenso bei den Außenverteidigern. Das sind sicher Themen, mit denen wir uns in den Vereinen und beim DFB unter der Leitung von Hansi Flick beschäftigen.

Sie deutschen jüngst Novellierungen an. Was ist geplant?

Wir brauchen in jedem Fall mehr Flexibilität und die Mö;glichkeit, auch mal während des Spiels auf ein anderes System umschalten zu kö;nnen. Vielleicht müssen wir auch im Umfeld oder in der Organisation Dinge ändern. Wir werden uns mit dem Stab in den nächsten Wochen zusammensetzen - und uns dann mit der Frage beschäftigen, wie die Reise für uns mit den nächsten Länderspielen weitergeht.

Ihr DFB-Vertrag gilt bis 2016. Was kann für einen Weltmeistertrainer noch kommen? Real? Barcelona? FC Bayern? ▄berhaupt noch mal Vereinscoach? Oder auf ewig Nationalcoach?

Darüber mache ich mir im Moment überhaupt keine Gedanken. Ich schließe da jetzt nichts aus, vorstellbar ist vieles, natürlich auch, irgendwann noch mal eine Vereinsmannschaft zu trainieren. Warum nicht? Wann, weiß ich nicht. Ich habe mir angewö;hnt, nur noch im Zweijahresrhythmus zu denken. Als Nationaltrainer weiß ich. Es wird immer nach einem Turnier eine Entscheidung geben. 2012 war die Stimmung ganz anders als 2010. Sie andert sich. Aber: Es gibt keinen Fluch des Titels, wie manchmal zu lesen ist. Dieser WM-Titel steht.

Oliver Hartmann/Karlheinz Wild

An English-language version of the interview was published in World Soccer, February 2015, and can be found on my Interview Archive Blog.

With thanks to Susanne.

Last revised 5 March 2015
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