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published in Germany, 24 October 2015
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"Ohne Sommermärchen wäre die Willkommenskultur nicht möglich"

Die deutsche Elf hat sich mit mauen Leistungen für die EM 2016 qualifiziert. Und jetzt soll der DFB auch noch die Heim-WM 2006 gekauft haben. Bundestrainer Joachim Löw über die mangelhafte Torausbeute, gute deutsche Gastgeber und den Bonus von Prinz Poldi.

Herr Löw, das Magazin "Der Spiegel" behauptet, der Deutsche Fußball-Bund hätte die Heim-WM 2006 mit Bestechungsgeldern nach Deutschland geholt und zieht das Fazit, dass das Sommermärchen nun zerstört ist. Haben Sie auch das Gefühl?

Nein, das habe ich nicht, die WM 2006 bleibt unverrückbar ein einmaliges Ereignis, bei dem wir Deutschen wunderbare, offene, herzliche Gastgeber waren. Wir Deutschen haben im wahrsten Sinne des Wortes wieder Flagge gezeigt. Vielleicht wäre die offene Willkommenskultur, die wir in der aktuell schwierigen Flüchtlingsfrage leben, ohne die WM 2006 gar nicht möglich gewesen. Für mich persönlich bleibt auch die tiefe Identifikation unserer Fans mit der Nationalmannschaft.

Ist eine vom DFB, namentlich Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach, ausgehende Bestechung für Sie vorstellbar?

In den vergangenen Tagen konnte in diese Richtung nichts bewiesen werden, trotz massiver Behauptungen. Ich habe gesagt dass ich riesiges Vertrauen in unseren Präsidenten Wolfgang Niersbach habe, dabei bleibe ich. Ich weiß, dass er selbst derjenige ist, der die Beantwortung der offenen Fragen vorantreibt.

Haben Sie generell noch Vertrauen zu den großen Fußball-Verbänden UEFA und FIFA?

Als Sportier hat man da oft einen anderen Fokus. Da beschäftigt man sich weniger mit Sportpolitik als mit der eigenen Mannschaft und den nächsten Spielen oder Turnieren, so ist es auch bei mir. Generell aber wünsche ich mir immer Fairplay, sauberen Wettbewerb - auf und neben dem Platz.

Das nächste Turnier ist die EM in Frankreich, für das die DFB=Elf gerade das Ticket gelöst hat. Wie fällt Ihr Resümee der EM-Qualifikation aus?

Nach dem emotionalen Highlight und den körperlichen Anstrengungen bei der WM war es für uns alle schwierig, wieder diese Motivation zu finden, den Hunger. Es waren nicht alle Spiele weltmeisterlich, mit einigen aber waren wir zufrieden. Zum Beispiel gegen Polen oder auch in Schottland, wo wir jederzeit Herr des Geschehens waren, klar dominierten und auch effizient waren. Wir haben diese Gruppe gewonnen, trotz einiger Schwierigkeiten.

Was muss ich ändern?

Wir wissen, dass wir bis zur EM-Endrunde in Frankreich noch viel Arbeit vor uns haben. In der Qualifikation ging es auch darum, taktische Möglichkeiten gegen Mannschaften zu finden, die extrem defensiv spielen. Grundsätzlich stimmt unsere Spielanlage, wir hatten in allen Spielen an die 70 Prozent Ballbesitz, davon mehr als 60 Prozent in der gegnerischen Hälfte. Außerdem hatten wir im Schnitt elf große Chancen - und die sind nicht durch Zufall oder Fehler des Gegners entstanden. Unsere Möglichkeiten haben wir uns herausgespielt, das ist wichtig. Wir verwalten nicht, wir gestalten und dominieren. Allein die Effizienz hat nicht gestimmt, wir belohnen uns nicht für den hohen Aufwand, den wir betreiben.

Was sind die Gründe?

Miroslav Klose, Per Mertesacker und Philipp Lahm haben große Lücken hinterlassen. Es ist nicht einfach, diese zu schließen. Da suchen wir noch Lösungen. Aber es sind junge Spieler da, von deren Fähigkeiten ich absolut überzeugt bin. Für ihre Entwicklung benötigen diese Spieler noch Spielpraxis und Wettkampferfahrungen auf allerhöchstem Niveau.

Toni Kroos sagte, dass zuletzt der absolut starke Wille der WM gefehlt habe.

Noch in der Nacht unseres Titelgewinns in Rio habe ich zu Präsident Wolfgang Niersbach gesagt, dass nun ein schwieriges Jahr vor uns liegt, eines, in dem es auch das eine oder andere Wellental geben wird. Die Gründe sind vielfältig. Sie werden aber nicht erleben, dass ich lamentiere. Dass bei einem großen Turnier eine andere Spannung herrscht, ist normal. Und da werden wir bei der EM auch wieder hinkommen.

Der Weltmeister schwächelt, der Gegner holt das Letzte aus sich heraus, und den Weltmeister zu schlagen.

Für viele Länder sind Qualifikationsspiele gegen den Weltmeister das Spiel des Jahres. Die hohe Motivations unserer Gegner war sichtbar. Deutschland zu schlagen besitzt für die meisten Nationen einen ganz hohen Stellenwert.

Manchmal hatten Sie nur zwei, maximal drei Tage, um die Mannschaft auf ein Qualifikationsspiel vorzubereiten. Kann diesen kurze Zeit überhaupt reichen?

Für mich als Trainer erleichtert es natürlich die Arbeit, wenn die Mannschaft langere Zeit zusammen ist. Ich kann gewisse Automatismen einstudieren, und auch das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mannschaft entwickelt sich. Vor einem Länderspieltag ist das nicht in dieser Form möglich. Die Spieler kommen mit unterschiedlichen Belastungen, mit unterschiedlichen Gedanken, mit unterschiedlicher Form, mit Erfolgserlebnissen oder auch nach Misserfolgen zur Nationalmannschaft. Da gibt es schon gravierende Unterschiede im Vergleich zur Vorbereitung auf ein Turnier. Vor einer Endrunde ist der Fokus ausschließlich auf dieses Turnier gerichtet. Es gibt keine Ablenkung für die Spieler.

Wie können Sie die mangelnde Effizienz vor dem Tor wiederherstellen?

Die Mannschaft ist in der Lage, Tormöglichkeiten zu erspielen und nicht durch Zufall entstehen zu lassen. An der Effizienz, die uns zuletzt gefehlt hat, müssen wir in der Vorbereitung auf die EM wieder verstärkt individuell arbeiten. SIcherheit und Selbstbewusstsein vor dem Tor lassen sich im Training steigern. Genauso werden wir mit den Spielern auch über die mentale Einstellung sprechen. Die fehlende Effizienz ist kein Problem des Nichtkönnens, sondern des Nichtabrufens gewesen.

Marco Reus hat beispielsweise gegen Georgien gleich mehrere 100 prozentige Torchancen versemmelt.

In Dortmund hat er zuletzt wieder getroffen, und das wird er auch wieder bei uns. Er war auch eine ganze Weile verletzt und hat nicht gespielt. Ihm haben Rhythmus und Sicherheit gefehlt.

Braucht Deutschland wieder einen richtigen Stürmer vom Typ Klose?

Entscheidend ist, dass die Spieler - egal, in welcher Position - zu unserer Philosophie passen. Unser Stürmertyp muss in der Lage sein, mitzukombinieren. Er muss auch defensiv denken, nach hinten arbeiten und große Laufwege machen. Variabel muss er sein, er muss den Ball verarbeiten können, in der Luft wie am Boden. Es gibt im Moment nur einen Stürmer, der all diese Erfordernisse komplett erfüllt. Der heißt Lewandoski, und der spielt leider für Polen.

Machen Sie sich angesichts der durchwachsenen Qualifikation keine Sorgen über die Em im Sommer?

Nein. Ich habe keine Magenschmerzen, weil wir zwei Spiele in der Qualifikation verloren oder nicht so gut gespielt haben. Ich weiß, dass die Mannschaft mehr Potenzial hat. Und sie hat einen guten Charakter. Die Mannschaft besitzt die Fähigkeit, schnell zu lernen und Dinge umzusetzen. Und bei einem Turnier habe ich viel mehr Einflussmöglichkeiten. Die Qualifikation ist ein Spiegelbild der jetzigen Situation, aber sie ist nicht der Maßstab für die EM. Das Turnier findet erst in acht Monaten statt.

Wie gehen Sie die Tests in November gegen Frankreich in Paris und gegen die Niederlande in Hannover an?

Ich werde diese Möglichkeit nutzen und kann mir gut vorstellen, das eine oder andere zu testen. Personell, taktisch. Dazu sind Testspiele ja da.

Lahm, Klose und Mertesacker haben nach der WM ihren Rücktritt erklärt. Letzterer Ausfall dürfte am wenigsten problematisch sein, weil Jerome Boateng weit mehr als ein Ersatz ist. Oder?

Jerome Boateng hat in den vergangenen Jahren einen riesigen Entwicklungssprung gemacht. Er ist ein Innenverteidiger mit enorm vielfältiger Qualität. Im Moment ist er auch in seiner Konstanz einmalig gut. Ich glaube, dass wir mit Boateng und Mats Hummels mit das beste Innenverteidiger-Duo der Welt haben. Sie haben bei der WM gezeigt, dass sie jeden Stürmer jeglicher Qualität sehr gut unter Kontrolle halten, mit ihrer Zweikampfstärke, mit ihrer Antizipation. Jeromes große Stärke ist auch die heute so wichtige. Spieleröffnung mit dem ersten Pass. Das macht er überragend.

Die Experimente mit Rudy, Can, Ginter auf der rechten Außenbahn waren kaum eine Offenbarung. Wie wollen Sie das Problem der Lahm-Nachfolge lösen?

Philipp Lahm hat die einmalige Fähigkeit, defensiv und offensiv intuitiv immer das Richtige zu machen. Die jungen Spieler müssen auf dieser für sie manchmal ungewohnten Position auch international Erfahrung sammeln. Man kann nicht erwarten, dass Spieler, die defensiv ausgerichtet sind, plötzlich perfekt vorne die 1:1-Situationen beherrschen.

Spieler, die im Verein Stress haben, wie zuletzt Mario Götze bei den Bayern, erklären immer wieder, wie sehr sie sich freuen, wenn sie zur Nationalmannschaft dürfen.

Ich muss bei so einer pauschalen Feststellung immer ein wenig schmunzeln und will hier mal klarstellen. Wir sind kein Ferienlager! Wir treffen uns, um Spiele zu gewinnen, um Leistung abzurufen. Dieser Gedanke steht über allem. Aber es ist auch unsere Aufgabe, Spielern, von denen wir überzeugt sind, ein Stück weit Vertrauen und Selbstbewusstsein mitzugeben. Wenn der Spieler im Verein Probleme hatte, kann sich das dann auch dort positiv auswirken. Natürlich freuen wir uns, wenn Spieler sagen, dass sie gerne zu uns kommen und sich in unserem Kreis wohlfühlen. Das gehört ja zu unseren großen Stärken. Aber eine Wellness-Oase sind wir beileibe nicht! Und manchmal ist es möglicherweiße auch andersherum: Da reist vielleicht ein Spieler enttäuscht von der Nationalmannschaft ab und ist froh, wieder im Verein zu sein.

Täuscht der Eindruck, dass Lukas Podolski bei Ihnen einen riesigen Bonus besitzt, obwohl er bei seinem türkischen Verein nur durchschnittliche Leistungen zeigt?

Lukas traue ich immer zu, dass er noch eine Top-Leistung bringen kann, wenn er regelmäßig spielt und Erfolgserlebnisse hat. Er fühlt sich in unserem Kreis seit vielen, vielen Jahren wohl und gibt extrem viel, auch im emotionalen Bereich. All das kann zu einer besseren Leistung bei uns beitragen.

Ihre Vorgänger hatten sogenannte verlängerte Arme auf dem Spielfeld. Sepp Herberger hatte Fritz Walter, Helmut Schön Franz Beckenbauer und Beckenbauer hatte Lothar Matthäus. Wen haben Sie?

Heutzutage braucht man mehrere verlängerte Arme auf dem Platz. Es gibt eine Gruppe von Führungsspielern, die auf junge Spieler einwirken und die Ideen des Trainers transportieren. Bei der WM hat das hervorragend geklappt mit unserer Hierarchie. Nach dem Abgang von Lahm, Mertesacker und Klose hat sich jetzt etwas Neues gebildet. Ich mache mir bei diesem Thema keine Sorgen. Wir haben Schweinsteiger, Khedira, Hummels, Boateng, Müller, Neuer, auch Kroos, das sind Spieler, die das Bewusstsein für mannschaftliche Geschlossenheit haben und die Fähigkeit, taktische. Vorgaben umzusetzen.

Zu Ihnen persönlich. Wie ist Löw? Gelassen, ruhig, leicht erregbar, können Sie sich zutiefst ärgern, und werden Sie auch mal richtig laut?

Alles, was Sie da aufgezählt haben, gehört zu meiner Persönlichkeit. Naturlich versuche ich, in erster Linie analytisch und sachlich zu sein. Aber auch mir spielen die Emotionen mitunter einen Streich. Selbstverständlich kann ich laut werden, wenn ich anspreche, was mir passt und was nicht. Es ist meine Aufgabe als Trainer, permanent Entscheidungen zu treffen, vor dem Spiel, während des Spiels, in der Halbzeit, danach. Vieles mache ich intuitiv, aus dem Bauchgefühl heraus.

Als Weltmeister-Trainer haben Sie alles erreicht.Was treibt Sie weiter?

Das Besondere im Sport ist, dass man die Erfolge noch einmal erleben will, man will Bestätigung finden. Wenn man den Gipfel erreicht hat, ist es eine besondere Herausforderung, dort oben zu bleiben. Es gibt daneben die unterschiedlichsten Gründe für meine Motivation. Ich möchte junge Spieler, weiterentwickeln, ihnen dabei helfen, in ihrer Karriere auch einmal so einen Erfolg erleben zu können. Und dann gibt es noch einen schlichten und gleichwohl sehr wichtigen Grund. Mir macht die Arbeit mit der Mannschaft riesigen Spaß!

15 Monate nach dem Triumph von Rio: Wo viel WM-Stolz steckt noch in Ihnen?

Sehr viel. Und nicht nur wegen des Titels, sondern wegen der Wertschätzung, die man uns entgegenbringt. Auch im Ausland. Die Menschen waren angetan davon, wie wir gespielt haben, wie wir als Mannschaft aufgetreten sind. Die unterschiedlichen Kulturen in unserer Mannschaft sind für uns kein Problem, ganz im Gegenteil: Sie bereichern uns. Damit geben wir den Menschen gerade aktuell ein gutes Beispiel.

Was kann Deutschland von seiner Nationalmannschaft bei der EM in Frankreich erwarten?

Die Mannschaft wird den absoluten Willen zum Erfolg besitzen. Wir wollen bei der EM den WM-Titel bestätigen. Wir wollen die Nation so repräsentieren - auf und neben dem Feld -, das alle in Deutschland stolz sein können.

Last updated 1 March 2016

With thanks to Susanne and Silke
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