from Focus Magazine
published in Germany, 16 May 2011
(Jürgen Klopp front cover)

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«Michael weiß, wie ich über seine Situation denke»

Bundestrainer Joachim Löw über die Perspektiven von Michael Ballack, warum seine Spieler binnen Zehntelsekunden passen mussen und Barcelona die Champions League gewinnen.

Herr Löw, die Leistungen Ihrer Top-Spieler Manuel Neuer, Mesut Özil, Sami Khedira oder Mario Gomez haben sich sprunghaft bis hin zur absoluten Weitklasse verbessert. Wer kann Deutschland derzeit eigentlich schlagen?

Wir haben mit der Nationalmannschaft an die Leistungen der Weltmeisterschaft 2010 in Sudafrika angeknüpft, in der Qualifikation für die EM 2012 alle Aufgaben gut gelöst und gerade gegen die Türkei und Belgien wichtige Siege eingefahren. Wir dürfen jetzt aber unsere gute Ausgangsposition nicht leichfertig aufs Spiel setzen, sondern müssen Anfang Juni die Spiele gegen Österreich und Aserbaidschan gewinne. Dann können wir uns schon in September definitiv für die EM 2012 in Polen end der Ukraine qualifizieren und frühzeitig planen.

Viele Nationalspieler bringen im Deutschland-Dress Höchstleistungen. Im Verein aber schwächeln sie. Warum ist das so?

Es gibt mehrere Gründe dafür, warum einige Spitzen-Clubs ihren hohen Erwarfungen nicht gerecht geworden sind Einer davon ist sicherlich, dass sie viele Nationalspieler im Kader haben. Sie waren fast alle bei der WM im Einsatz. Und ein großes Turnier und eine wochenlange Vorbereitungszeit schlauchen nun mal, Körperlich und psychisch. Dortmund, Hannover, Mainz oder Freiburg, die in der zu Ende gegangenen Bundesliga-Saison in der Tabelle ganz nach oben gerückt sind, mussten hingegen nur wenige Nationalspieler abstellen. Diese Vereine hatten fünf, sechs Wochen zur optimalen Vorbereitung - und das ist nun mal die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Saison.

Welche Mannschaften haben Sie beeindruckt?

Allen voran Dortmund. Wenn ich die Borussia sehr, dann erkenne ich ein klares Trainerkonzept, schnelles Umschalten, wiederkehrende Automatismen. Aber auch Teams wie Mainz 05 und Hannover 96 haben mit ihren Moglichkeiten einen hervorragenden Job gemacht. Da wird kein Fußball verwaltet, da werden mit einer aggressiven Spielanlage gute Akzente gesetzt.

Der deutsche Fußball brummt. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) meldete nun einen Zuschauerrekord von 13 Millionen Menschen - so viel wie in keiner anderen Liga auf der Welt. Und es wird noch besser. Das neue Lizenzierungssystem "Financial Fairplay" wird Clubs aus Spanien und Italien zu dramatischen Einsparungen zwingen. Ist die Bundesliga auf dem Weg zur besten Liga der Welt?

Die Rahmenbedingungen sind zumindest schon mal - was die Stadien, die Infrastruktur und die Bilanzen der Vereine angeht - weitweit die besten. Darüber hinaus verstärken die Konzepte in den Nachwuchs-Leistungszentren diesen Trend. Auch sportlich sind wir auf einem guten Weg. Nahezu perfekt macht es der FC Barcelona vor: Ein Xavi, ein Iniesta oder auch ein Messi waren nicht schon immer 100 Millionen Euro wert. Der Verein hat sie zu dem gemacht, was sie heute sind: Weltstars. Sie sind in einem langfristig angelegten Konzept gewachsen - und mit ihnen ihr Vermögenswert.

Der Trend zum deutschen Eigengewächs eröffnet Ihnen ungeahnte Möglichkeiten: Sie können sich aus einem Fundus von 30 hochtalentierten Nachwuchskickern bedienen, Jungprofis wie Mario Götze, Marco Reus ...

... Moment. Meine Messlatte liegt sehr, sehr hoch. Wir reden hier immerhin von der Nationalmannschaft. Nur weil einer jung ist und gute Spiele in der Bundesliga gemacht hat, heißt es doch noch lange nicht, dass er die notwendige Qualität mit bringt, um gegen England oder Spanien auf höchstem Niveau zu bestehen. Da sehe ich im Augenblick nur etwa zehn bis 15 Spieler, die dieses Niveau in den nächsten Jahren erreichen können. Darüber hinaus ist es erfreulich, dass wir für unsere U-Teams gute Perspektiven sehen, weil hier einige außergewöhnlich gute Spieler vorhanden sind. Ob sie es dann wirklich ganz nach oben schaffen, wird sich erst später herausstellen. Da müssen wir noch etwas Geduld haben. Mit Matthias Sammer sind wir in einem engen Austausch.

Dass Die konsequent auf die Jugend setzen, ist offensichtlich. Viele Experten pochen aber auf ein ausgewogenes Verhältnis im Team zwischen Alt und Jung.

Da bin ich anderer Meinung. Deswegen haben wir ja in den vergangenen zwei Jahren einen Schnitt gemacht und auf Junge Talente wie Sami Khedira, Mesut Özil, Thomas Müller oder Manuel Neuer gesetzt. Sie haben eindrucksvoll den Nachweis erbracht, dass sie Top-Leistungen abrufen können. Mario Götze, Sven Bender, Mats Hummels oder Marco Reus haben ein ähnlich hohes Potenzial. Ob sie jedoch schon reif für ein großes Turnier sind, weiß ich nicht. Was ich aber weiß: Der Fundus an jungen Spielern ist in den vergangenen Jahren gestiegen.

Die Integration der Nachwuchskräfte gelingt Ihnen perfekt. Auch deshalb, weil es keine ausgeprägten Alphatiere wie früher Lothar Matthäus oder Stefan Effenberg mehr gibt?

Generell hat sich nicht nur in der Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren ein Wandel im Führungsstil vollzogen. Die Führungsspieler von heute wollen verstärkt Transparenz und in Prozesse involviert werden. Dabei übernehmen Sie auf ihre Art wie früher Matthäus und Effenberg natürlich auch Verantwortung.

Bedeutet der Umkehrschwung zum Jungprofi, dass das Verfallsdatum für Profis sinkt?

Der Spiele werden dynamischer, mit immer mehr Tempo, mehr Athletik, mehr Explosivität. Heute kann sich ein Spieler während der 90 Minuten keine Pause mehr erlauben. Und da stellt sich die Frage: Wie lange kann ein Ausnahmeprofi heutzutage noch auf einem Top-Level spielen? Vielleicht nicht mehr zehn, 15 Jahre wie früher. Ein gutes Beispiel ist doch Ronaldinho. Der Basilianer war drei, vier Jahre lang der weltbeste Spieler. Dann war er - ich will nicht sagen verschlissen, aber eben nur noch Durchschnitt.

Der Altersschnitt wird also kontinuierlich weiter sinken?

Möglicherweise. Auf alle Fälle spielt Erfahrung im Vergleich zur Qualität nur noch eine untergeordnete Rolle. Nehmen Sie Thomas Müller. Wie dieser junge Kerl bei der WM gespielt hat, mit einer Lockerheit und inneren Überzeugtheit. Unglaublich. Genauso Manuel Neuer, der große Ruhe ausgestrahlt hat und mit seinen Reaktionen immer für eine Überragend gut ist. Nicht zu vergessen: Mesut Özil mit seiner technischen Genialität. Mesuts erste Aktion geht immer nach vorne in Richtung gegnerisches Tor. Das gefällt mir.

Michael Ballack wird in wenigen Monaten 35 Jahre alt. Passt er noch zum Zukunftsmodell?

Ich messe die Spieler allein nach Ihrer Leistung, und wenn einer, der über 30 ist, seine Leistung abruft, freue ich mich. Als Trainer ist es neben der Arbeit für den aktuellen Erfolg auch meine Aufgabe, perspektivisch zu denken, wie kann das Team in ein, zwei oder vier Jahren aussehen. Selbstverständlich habe ich auch mit Michael über diese Fragen diskutiert. Wir stehen in einem ständigen Dialog und haben das letzte ausführliche Gespräch bei einem Treffen Ende März geführt.

Ballack spielt doch schon seit März 2010 nicht mehr für Deutschland, auch wegen seinen beiden schweren Verletzungen. Warum fällt die Entscheidung so spät?

Michael Ballack ist der Kapitän und immer ein wichtiger Ansprechpartner von mir. Wir haben besprochen, dass er für die kommenden drei Länderspiele nicht nominiert ist, und vereinbart, dass wir danach nochmals reden. Generell muss ein Trainer nicht 15 Monate vor einem Turnier schon immer alle Entscheidungen getroffen haben. Michael war lange verletzt und hat zuletzt um wichtige Ziele mit Leverkusen gespielt. Ich wollte ihm zunächst erst mal Zeit geben. Wir haben uns das erste Mal nach der WM im August getroffen, und - ich wiederhole mich - wir stehen seitdem in regelmäßigem Kontakt. Michael weiß, wie ich über seine Situation denke.

Bei der WM 2010 spielte die Mannschaft viel schnneller als früher. Brauchte Ballacks Truppe 2008 noch 2,8 Sekunden von der Ballannahme bis zum Abspiel, waren es in Südafrika 1,1.

Es stimmt, das war schon ein wahnsinnig hohes Niveau, was wir da in Südafrika spielten. Immer, wenn wir so schnell gepasst haben, sind richtig gute Ergebnisse herausgekommen. Das 4:1 gegen England, das 4:0 über Argentinien. In diese Spielen hatten wir sogar Rekordwerte von 0,9 Sekunden.

Dann sind wir ja so gut wie Europameister?

Die Perspektiven sind gut, aber auch die anderen Nationen sind ambitioniert, und bei einem Turnier ist immer fast alles möglich. Außerdem ist es nicht so, dass wir gar keine Luft nach oben mehr hätten. Überprüfen Sie doch mal, wie viele Brasilianer, Engländer, Spanier, Niederländer und Argentinier in den Jetzten Runden der Champions League auf dem Platz standen. Deutschlands Profis belegen da vielleicht Rang acht oder neun in der Nationenwertung. Umso mehr freut es mich, dass die Bundesliga wegen ihrer internationalen Erfolge von der Saison 2012/13 an automatisch einen dritten Startplatz in der Champions League erhält. Das ist der Wettbewerb, wo ein Profi am meisten lernt.

Welcher Spielstil gefällt Ihnen besser? Barcelonas Kurzpass-Dominanz oder das variable Angriffssystem von Manchester United, das sich - mal über die Flügel, mal durch die Mitte - immer an den Schwachstellen des Gegners orientiert?

Das Kurzpass-Spiel beherrschen die Spanier in Perfektion, ob in der Nationalmannschaft oder beim FC Barcelona. Manchester ist hingegen taktisch variabler und daher schwerer ausrechenbar.

Und wer von den beiden gewinnt das Finale der Champions League in London?

Barcelona.

Last updated 20 January 2012

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