from Bunte magazine
published in Germany, 8 December 2011

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Man kann nicht sagen, dass im eher beschaulichen Freiburg jeder kennt. Aber Jogi Löw, 51, kennen alle. Der Taxifahrer aus Ghana, der uns vom Bahnhof ins Hotel 'Columbi' fährt erzählt "Ein Kollege von mir bringt ihn manchmal zum Freiburger Münster, weil er dort ungestört sein kann. Ich liebe den Jogi, weil er mit seinen Team beweist, dass Multikulti die Zukunft ist."

Als das Taxi fünfzehn Minuten vor der vereinbarten Zeit ankommt, erwartet der Bundestrainer das BUNTE-Team schon am Eingang. Asamoah aus Ghana sagt "Fragt Herrn Löw, ob er nicht unser Coach werden kann, wenn er 2014 nach Deutschland Weltmeister geworden ist."

Eine so gute Frage, dass man sie erst zum Schluss steller sollte. Joachim Löw ist glänzend gelaunt, Schick sieht er aus. Obschon die Sonne den Breisgau auf 15 Grad erwärmt hat, trägt er heute keines seiner legendären taillierten Hemden, sondern einen engen braunen Rollkragen-pullover. Dazu Jeans. Sakko und Sonnenbrille legt er zum Interview beiseite. Ein paar Dehnübungen, kurz die Augen zur Verinnerlichung geschlossen. Sein erstaunlich glattes "Alles Nivea oder was?" - Gesicht verrät Entspanntheit.

* * * *

Herr Löw, hatten Sie sich gern zum Freund?

Ja. Wenn ich jetzt Nein sagen würde, wär das schlecht.

Stimmt.

Aber eigentlich müssten das meine Freunde be beurteilen. Grundsätzlich fehlt mir als Bundestrainer leider manches Mal die Zeit, um diese Freundschaften so zu pflegen, wie es gern tun würde.

Lösen Sie auch private Probleme, zum Beispiel Liebeskummer?

Nein, trotz meines guten Vertrauensverhältnisses zum Team. Wenn ein Spieler mal wirklich über seine tiefste Privatsphäre mit mir redet, ist das jedoch eher die Ausnahme.

Könnte Robert Enke noch leben, wenn er sich Ihnen geöffnet hätte vor seinem Selbstmord?

Roberts Freitod vor zwei Jahren war der schlimmste Moment in meiner Trainerskarriere. Mein Trainerstab, Oliver Bierhoff und ich haben nächtelang zusammengesessen und uns Gedanken darüber gemacht, ob wir dieses Drama hatten verhinden können. Aber wir ahnten nichts von seinen Depressionen. Heute gehen wir noch sensibler mit möglichen psychischen Problemen um, sind in noch engerem Kontakt mir unserem Sport-psychologen Hans-Dieter Hermann.

Worüber reden Sie sonst noch mit den Spielern?

Vor allem über die richtige Einstellung zum Beruf und über fachliche Themen.

Dennoch häufen sich persönliche Dramen, besonders im Fußball: der Selbstmordversuch von Schiedsrichter Babak Rafati, Hannovers Torwart Markus Miller ging freiwillig in die Psychiatrie, Schalke 04 Coach Ralf Rangnick schmiss wegen Burnout hin. Und gerade erhängte sich der walisische Nationaltrainer Gary Speed im Alter von 42 Jahren. Kennen Sie selbst auch Phasen der Verzweiflung?

Ich habe größen Respekt vor Ralf Rangnick. Zu erkennen, ich bin nicht mehr begeisterungsfähig, kann die Mannschaft nicht mehr mitreißen, bin einfach ausgebrannt - wenn ich diese Symptome bei mir spüren würde, wäre es Zeit für eine Veränderung. Denn die Spieler erwarten einen fundierten und energiegeladenen Trainer.

Sie gelten als Motivationskünstler. Konnen wir davon ausgehen, dass Deutschland nächste Jahr Europameister wird und 2014 in Brasilien Weltmeister?

Klar ist die Sehnsucht nach einen großen Titel da. Aber ein guter, attraktiver Fußball ist mir genauso wichtig. Früher war es doch so: Deutschland hat spielerisch nicht gerade geglänzt, aber am Ende gewinnen. Meine Zielsetzung war, bei den Spielern und bei den Fans Emotionen zu wecken. Kombinationfußball auf höchsten Niveau. Die Leute sollen sich freuen an dem Spiel der Nationalmannschaft, es soll Spaß machen. Sie sollen sich mit dem Spiel und auch mit dem Auftreten der Mannschaft identifizieren konnen.

Für den erst 19 Jahre alten Starkicker Mario Götze hat Arsenal London 45 Millionen Euro geboten. Was raten Sie ihm?

Sich selber zu prüfen, ob er das wirklich will, ob er bereits reif ist dafür: neue Sprache, neue Umgebung, einen noch härteren Konkurrenzkampf, die astronomische Ablösesumme und den damit verbundenen Erfolgsdruck.

* * * *

Eine Stunde ist vergangen. Joachim Löw schaut auf seine TWC-Uhr. War's das? "Nein" beruhigt er uns, "aber ihr habt doch sicher auch Hunger." Er ordert Kaffee und Kuchen. "Ich bin schon ein Genussmensch, esse gern Süßes, trinke abends gern Rotwein, habe früher auch öfter mal geraucht. Aber alles in Maßen. Denn ich achte schon ein bisschen auf meinen Körper."

* * * *

Haben Sie manchmal Angst, dass sich Ihr gutes Aussehen abnutzt?

Gutes Aussehen? Eine gewisse Eitelkeit ist menschlich, muss man nicht unter den Tisch kehren. Aber ich kann gut damit leben, alter zu werden. Bis jetzt habe ich mich in jeder Phase meines Lebens wohlgefühlt.

Über Sie und Ihr Frau Daniela erfährt die Öffentlichkeit wenig. Sie sind doch glücklich?

Ja. Absolut. Sie hat viel Verständnis für die Leidenschaft, mit der ich meinen Beruf ausübe.

Weihnachten steht vor der Tür. Wer öffnet die Türen des Adventskalenders?

Wir haben keinen. Wir genießen die besinnlichen Tage mit unseren Familien, guten Gesprächen, schönen Bräuchen und lesen Bücher.

Im Oktober 2010 überreichte Ihnen Bundespräsident Christian Wulff das Bundesverdienstkreuz am Bande...

... und sagte mir, er würde sich freuen, wenn ich es gelegentlich trage.

Machen Sie ihm diese Freude?

Die WM-Bronzemedaille von 2006 habe ich erst nach langer Zeit in meiner Sporttasche gefunden. The WM-Medaille hab ich meinem Patenkind geschenkt.

Seltsam?

Aber es ist so. Solche Erfolge habe ich im Kopf gespeichert. Ich würde nie einen Pokal in den Schrank stellen. Auszeichnungen sind mir wichtig, wie bespielsweise auch der Bambi von 2010. Über den habe ich mich wahnsinnig gefreut, weil damit auch die Gefühle geehrt wurden, die wir den Menschen mit unserer begeisternden Spielweise bei der WM beschert haben. Aber zu Hause möchte ich Beruf und Auszeichnungen eher loslassen.

Bei Angela Merkel gehören Sie fast schon zum Inventar, heißt es.

Wahr ist, dass wir das ein oder andere Mal mit der Mannschaft bei ihr eingeladen sind und sie ja auch schon bei uns war. Die große Gabe der Kanzierin ist, schwierige Dinge vereinfacht darzustellen. Da hört man gern zu und freut sich, wenn Frau Merkel bei uns ist, Hintergründiges erzählt. Sehr offen, sehr kundig, sehr humorvoll sind diese Begegnungen.

Sie führt Deutschland und Joachim Löw führt der Deutschen liebstes Kind. Tauschen Sie sich schon mal aus - sozusagen von Häuptling?

Schon, wir diskutieren über Leistungdruck, Konkurrenzkämpfe, Integrationsmodelle oder Zielsetzungen.

Herr Löw, auf Ihren Autogrammkarten schauen Sie mit verschränkten Armen so siegessicher in die Kamera wie einst Napoleon. Majestätisch, annähernd präsidial, Bundespräsident - war das was?

Netter Scherz zum Jahresausklang. Im Ernst: Aufs politische Parkett würde ich mich nie begeben. Ich mache das, was ich am besten kann - und das ist der Job des Trainers im Fußball. Im Fußball bin ich groß geworden.

Was ist noch schöner als der Job des Bundestrainers?

Gute Freunde. Eine intakte Familie. Und vor allen Dingen Gesundheit.

Herr Löw, was sollen wir Asamoah, dem Taxi-fahrer aus Ghana sagen, der Sie nach der WM 2014 gern als Trainer seines Heimatlandes hätte?

(Lacht..) Er soll mal seine Adresse da lassen. Vielleicht jagt man uns nach der WM ja such davon und wir brauchen einen Fluchtpunkt...

* * * *

Abpfiff. Joachim Löw hat noch einige Termine. Er besteht darauf, Speis und Trank aus eigener Tasche zu bezahlen. So was kommt nicht oft vor im Leben eines Reporters.

Last updated 7 August 2013s

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