from Bunte magazine
published in Germany, 12 June 2014

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Der Traum vom Titel raubt ihm den Schlaf

JÖGI LOW:  Kurz vor der WM spricht der Bundestrainer über Führungsstil und seine Vorbildfunktion, über Spielerfrauen und Angela Merkel. Und darüber, was man als Fußballer von Immanuel Kant lernen kann...

Es kam knüppeldick im Südtirol Trainingscamp der deutschen Nationalmannschaft bei Jogi Löw, 54. Seine größten Stars, Manuel Neuer, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger - allesamt malad: dann noch der schreckliche Autounfall bei einem PR-Termin. Und das ausgerechnet an jenem Tag, da bekannt wurde, dass der Bundestrainer nach diversen Tempo-Blitzern seinen Führerschein verloren hat.

* * * *

Herr Löw, Sie sind für 80 Millionen Deutsche ein Vorbild. Und dann so was...

Ich weiß. Es tut mir aufrichtig leid. Ich trage die Konsquenzen. Ich gestehe ein, dass es ein Fehler ist. Geschwindigkeitsgrenzen zu überschreiten. Mea culpa. Ich werde daraus meine Lehren ziehen.

Sind Sie eine Gefahr für den Straßenverkehr?

Also, ich fahre nie unter Alkoholeinfluss. Ich habe niemals einen Unfall gehabt.

Haben Ihre Kicker ein paar Sprüche rausgehauen?

Die Spieler nicht. Aber ein italienischer Freund hat mich angerufen und gesagt "Du bist eben ein richtiger Mann. Ein uomo vero. Der fährt nun mal schnell." Da musste ich, bei aller Reue, schmunzeln.

Wann wurden Sie geblitzt?

Haufig nichts, wenn die Autobahn frei war. Das soll jetzt keine Entschuldigung sein, aber ich bin kein Fahrer, der andere gefährdet. Jetzt fahre ich Bahn, das liebe ich.

Und Sie mussen, bei 18 Punkten in Fiensburg, wohl den Idiotentest machen?

Weiß ich noch nicht. Der Führerschein ist weg. Ich warte auf das Verfahren.

Bringen solche Schlagzeilen unnötig Unruhe ins Lager?

Das störte die Vorbereitung auf Brasilien nicht im Geringsten. Ich habe den Schein übrigens schon im März abgegeben. Normalerweise müsste man davon ausgehen, dass Behörden solche Dinge nicht herausgeben, sondern diskret behandeln.

Sie stehen eben gerade jetzt besonders im Fokus. Eine ganze Nation erwartet von Ihnen den WM-Titel. Können Sie überhaupt noch gut schlafen?

Seit Monaten schwirren nachts die Gedanken an Brasilien in meinem Kopf rum. Du wachst auf und siehst die Gegner. Ich grüble, mache mir Notizen, analysiere.

Und dann wird Deutschland Weltmeister?

Das Gesetz der WM ist grausam. Von 32 Mannschaften bleiben 31 Enttäuschte zurück. Selbst der unterlegene Finalist ist frustriert. Nur eine Mannschaft wird voller Glückseligkeit sein, der Weltmeister.

Sie sind zum Titel verdammt?

So sehe ich das nicht. Für mich zählt vor allem: Wie präsentiert sich unser Team? Können wir Spaß und Freude nach Deutschland transportieren, alles geben auf Topniveau, die Begeisterung der 80 Millionen entfachen, sie spüren lassen, dass wir und völlig verausgaben für sie?

Aber trotzdem kann's passieren, dass...

...wir vorzeitig rausfliegen? Nein, also mit Negativszenarien befassen wir uns jetzt wirklich nicht. Wir wissen, das wir zu den Top-Favoriten gehören. Wir haben uns akribisch vorbereitet, wir haben alles getan, um alles zu erreichen, was wir uns vorgestellt haben.

Das wäre dann Der Titel?

Das ist das, was wir wollen. Der Titel. Aber den wollen nicht nur wir gewinnen.

Ich habe mt einem Freund um 100 Euro gewettet, dass Deutschland ins Finale kommt.

Eine gute Geldanlage! (Lacht.) Danke für Ihr Vertrauen.

Und wenn es schiefgeht? Führt das bei Ihnen zum Burnout?

Einen Burnout kann ich mir nicht vorstellen. Zwar muss auch ich mich immer mal wieder in die richtige Balance bringen, branche Auszeiten, um wieder Energie zu tanken, aber wirklich ausgebrannt habe ich mich noch nie gefühlt.

Beim Energietanken kommt Ihre Frau ins Spiel?

Da sind natürlich meine Frau, die engsten Familienmitglieder, gute Freunde, aber am Ende musst du Niederlagen allein verarbeiten, aus Fehlern dank positiver Energie neue Herausforderungen annehmen.

Was verdanken Sie Ihrer Frau?

Ihre absolute Unterstützung für meine große Leidenschaft, den Fußball.

Keinerlei Ängste, die Sie plagen?

Angst vor Misserfolgen wäre ein schlechter Begleiter.

Das ist fast schon eine philosophische Wendung. Ich würde gern mit Ihnen über Kant reden.

Aha, die Kritik der reinen Vernunft.

Genau. Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?

Das zu beantworten ist zugegebenermaßen nicht einfach. Ich versuch's mal: Ich weiß, dass ich nicht alles wissen kann. Also habe ich Leute,die mich berate, die mir ihre Meinung sagen, die offen und ehrlich sind, die mir in schwierigen Momenten den Spiegel vorhalten.

Frage zwei: Was soll ich tun?

Nun das, wovon ich überzeugt bin. Vor allem möchte ich authentisch bleiben. Egal wo ich auftrete, handle ich nach meinem Gefühl.

Frage drei: Was darf ich hoffen?

Dass die Entscheidungen, die ich guten Gewissens treffe, auf einem fruchtbaren Boden fallen, dass Irrtümer, denen ich unterliege, mir helfen, einen besseren Weg einzuschlagen.

Summa summarum: Was ist der Mensch?

Ein Produkt seiner Überzeugung, seiner Werte, seines Glaubens, seiner inneren Einstellung, seines Herzens. Dieser rote Faden ist die Maxime meines Lebens, der ich treu bleiben will.

* * * *

Der Ausflug in die Kant-Welt macht durstig. Jogi Löw braucht eine kleine Verschnaufpause und einen halben Liter Wasser. Drei und vier Liter davon, erzählt er nun, wird jeder Spieler in Brasilien täglich trinken müssen. Wir sprechen über Rod Stewart,der kürzlich in Bunte Löw & Co wegen ihrer Nerven aus Stahl zu den absoluten Top-Favoriten erklärte, "Wenn sie megafit sind. Sonst haben sie bei der Luftfeuchtigkeit und der aufgeheizten Atmosphäre wenig Chancen gegen die Gastgeber."

Löw outet sich spontan als großer Rod-Stewart-Fan: "Der Mann kann singen und verstehen jede Menge von Fußball. Recht hat er, denn es wird einen WM der Strapazen, der Widerstandsfähigkeit, der Unwägbarkeiten. Vor allem: Brasilien zu schlagen ist eine Mammutaufgabe. Aber das ist auch einen riesige Motivation, das treibt mich an."

* * * *

Herr Löw, welcher Spieler erinnert Sie an Ihre aktive Fußballzeit?

Thomas Müller. Ich war auch eher dieser Freigeist, nahm mir in der Offensive Freiheiten heraus, wollte immer Tore erzielen, egal wie. Ich tat mich auch schwer damit, an eine einzige Position gebunden zu sein. Allerdings: Früher herrschte Befehl und Gehorsam, mehr Peitsche als Zuckerbrot. Spieler hatten wenig Mitspracherecht. Heute hinde ich sie in die Verantwortung ein, sie wollen ernst genommen werden, stellen sich der Kritik und sollen ihre Meinung sagen.

Schätzungsweise die Hälfte des Teams ist tätowiert. Hat schon mal ein SPieler gefragt: Trainer, wie war's?

Bei aller gegenseitigen Wertschätzung: Nein, diese Frage würde kein Spieler stellen.

Was dürfen die Spielerfrauen in Brasilien?

Sie werden in der Nähe unseres Mannschaftsquartiers untergebracht sein, die meisten kennen sich ja untereinander, auch sie werden im Idealfall ebenso ein Team wie ihre Männer. Es ist gut, wenn die Spieler auch mal die Möglichkeit haben, ihre Frauen, ihre Familien zu treffen.

Sehr familienfreundlich....

...wobei man klar sagen muss, dass der Fokus auf der sportlichen Vorbereitung liegt, wir lassen uns da von nichts und niemandem ablenken.

Wann darf Angela Merkel kommen?

Wann immer sie will. In der Vergangenheit fanden die Spieler sie extrem motivierend, sie liebt Fußball, sie ist eine Expertin. Man spürt, es ist der Kanzierin eine Herzensangelegenheit, dass unser Team Deutschland in der Welt positiv vertritt.

Last updated 9 August 2014

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